Der wohl absurdeste Gerichtssaal der sozialen Medien hat fast drei Millionen Follower. Es geht ums Buffet. Wer aufgefordert wird, dieses mit seinen mitgebrachten Speisen zu bereichern und statt liebevoller Kreationen nur trockenen Kuchen, gekauften Salat oder schlicht zu wenig liefert, riskiert Todesstrafen wie aus dem Arsenal mittelalterlicher Scharfrichter. Was steckt dem „Potluck-Courtroom“ und seiner „Richterin“ Shaiie_foeva? Wir sprechen mit einem Juristen und Strafrechtshistoriker.
Hinweis: Dieser Artikel enthält detaillierte Beschreibungen historischer Folter- und Hinrichtungsmethoden im Rahmen einer kritischen Analyse.
Szene: Ein Tik Tok-Feed. Eine junge Frau lächelt enthusiastisch in die Kamera: „Hi i’m Kayla and i brought the Pizza.“ Schnitt auf „Richterin“ Shaiie. Die Reaktion scheint wütend herausgeschrien, von einer fast beängstigenden Gleichgültigkeit: „DEATH ROW!!! Next.“
Der gesamte Vorgang, von der Begrüßung bis zum Todesurteil, dauert in manchen Fällen nur fünf Sekunden. In den nahezu täglich veröffentlichten satirischen Kurzvideos verhandelt die Influencerin Shaiie_foeva zahllose selbstinszenierte Fälle. Immer geht es dabei ums Potluck – also das gemeinsame Buffet bei Familie und Freunden, bei dem jeder Gast etwas beisteuert.
Für herausragende Speisen winkt der Ritterschlag von „King Charles himself“ oder „The Keys to the entire country of Canada„. Doch wehe, das Essen missfällt: Dann drohen, Todestrakt, Erschießung und mittelalterlich anmutende Strafen. Zur Klarstellung: In keinem der Videos kommt wirklich jemand zu Schaden. Die Urteile und Strafen sind rein fiktiv.
Shaiie_foeva verurteilt ihre Angeklagten häufig zu Methoden, deren Namen die Kriminalgeschichte prägten: Darunter „The Rack“, die Streckbank; der „Brazen Bull“, das Folterinstrument in Stierform; oder die „Judas Cradle“, die spitze Judaswiege. Es ist ein tägliches Spektakel der Willkür, das seine Referenzen direkt aus dem Arsenal der Scharfrichter zieht.
„Völliger Klamauk und Nonsens“
Prof. Dr. Markus Hirte, Jurist und Strafrechtshistoriker
Der Jurist und Strafrechtshistoriker Prof. Dr. Markus Hirte, der das Mittelalterliche Kriminalmuseum(Website) in Rothenburg ob der Tauber leitet, bezeichnet diese Art Urteil als „völligen Klamauk und Nonsens“. Folter sei historisch niemals eine Strafe gewesen, sondern diente der Beweisführung auf dem Weg zum Urteil. Sie durfte daher nicht tödlich sein.
Die TikTok-Urteile hingegen verwenden eine Vermischung von Legenden und echten Hinrichtungsstrafen. Zudem seien viele der von Shaiie_foeva genannten Instrumente historisch gar nicht belegt, so Hirte.
Die Strafen der „Richterin“ Shaiie
Pair of Anguish (Mundbirne)
Dieses Instrument ist ein grausames, aber schwierig zu belegendes in Shaiie’s Arsenal. Der Mythos, der das birnenförmige Gerät zu einer viralen Bedrohung auf FoodTok machte, besagt, es sei in eine Körperöffnung eingeführt und dann durch Aufspreizen blutig und brutal zur Folter verwendet worden. Laut Hirte ist dieses Instrument jedoch ein Pseudo-Mythos. Es tauchte zwar in Scharfrichter-Nachlässen auf, doch eine Anwendung zur schmerzhaften Spreizung von Körperöffnungen schließt der Historiker im Rahmen der Rechtsprechung aus. Es wurde – wenn überhaupt – wahrscheinlich nur als Knebel verwendet oder zum Verusachen einer schmerzhaften Kiefersperre.
Das Instrument, auch als brennender Bulle bekannt, ist laut Hirte eine Rechtsfabel. Der Mythos: Opfer wurden in den hohlen, metallenen Stierkörper gesperrt. Wurde darunter ein Feuer entfacht, verbrannte das Opfer langsam, während Röhren in der Nase des Stiers die Todesschreie in das Brüllen eines Stieres umwandelten. Es existieren keine belegbaren Quellen für seine Anwendung in der frühen Neuzeit oder im Mittelalter. Shaiie_foeva greift hier auf einen populären, aber historisch unbegründeten Mythos zurück. Er hat seinen Ursprung in einer dekorativen Illustration eines Strafgesetzbuchs des 16. Jahrhunderts.
Shaiie bedient sich hier der wohl bekanntesten Rechtsfabel im Arsenal der Folter- und Hinrichtungsinstrumente. Das sargähnliche Gerät, dessen Innenleben mit Stacheln aus Holz oder Metall besetzt war, ist laut Hirte eine Fälschung, die erst im 19. Jahrhundert als Schauobjekt entstand. Belege für eine justizförmige Anwendung zur Folter oder Hinrichtung gibt es nicht.
Bild: Eiserne Jungfrau im Mittelalterlichem Kriminalmuseum Rothenburg ob der Tauber. Foto: Holger Uwe Schmitt, via Wikimedia, lizenziert unter CC BY-SA 4.0 (automatisch skaliert)
Judas Cradle (Judaswiege):
Dieses Instrument – ein pyramidenförmiger Sitz, dessen Spitze angeblich auf den analen oder vaginalen Bereich zielte – ist für Hirte ein weiterer Mythos. Ihm seien keine Quellen aus Gerichtsakten für eine Verwendung in der Rechtsprechung in Europa bekannt.
Diese ‚Rechtsfabeln‘ wie der Sizilianische Bulle oder die Eiserne Jungfrau haben laut Hirte einen gemeinsamen Ursprung. Die Schreckensgeräte stammten meist aus Märtyrerlegenden bzw. -geschichten. Die Geschichten über die Qualen von Heiligen seien häufig mit grausamen Bildern versehen worden. Das Problem: Genau diese überzogenen Illustrationen übernahmen später Zeichner und Drucker in historischen Sachbüchern und Rechtswerken.
„Je perfider, komplizierter, perverser, grauenvoller so eine Praxis ausgesonnen ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass unsere Vorfahren sie tatsächlich in einem justizförmigen Verfahren angewendet haben.“
Prof. Dr. Markus Hirte, Rechtshistoriker
Das juristisch korrekte Verfahren hingegen war immer nüchtern. Die fiktiven, grauenvollen Insturmente hingegen ergeben das bessere Bild für die Massen. Ein Mechanismus, der sich 700 Jahre später fast nahtlos in den TikTok-Algorithmus hineinzieht.
Diese Strafen aus Shaiies Videos gab es tatsächlich:
The Rack (Die Streckbank)
Dieses Instrument ist historisch eindeutig belegt und war laut Hirte eine Foltermethode der Frühen Neuzeit. Der Mechanismus war einfach und grausam: Der Angeklagte wurde auf ein Holzgestell gespannt und an Armen und Beinen festgebunden. Durch das Drehen von Winden wurden die Gliedmaßen in entgegengesetzte Richtungen gezogen. Ziel war die schmerzhafte Überdehnung der Sehnen und Gelenke. Für Hirte belegt dieses Beispiel den „Nonsens“ der TikTok-Urteile: Die Streckbank diente ausschließlich zur Geständniserzwingung – also zur Beweisführung vor dem Urteil. Sie wurde niemals als Strafe zur Vollstreckung nach dem Urteil angewendet.
Bildquelle: Wikimedia Commons. Dieses Werk ist gemeinfrei (Public Domain).
Thumbscrew (Daumenschraube):
Im Gegensatz zu den komplexen Mythen ist auch dieses Instrument historisch eindeutig belegt. Die Daumenschraube gehörte laut Hirte zur dritten, sogenannten einfachen Stufe der Folter in justizförmigen Verfahren. Die Gliedmaßen (meist Daumen oder Finger) wurden zwischen zwei Metallplatten fixiert und dann mittels einer Schraubvorrichtung so lange zusammengepresst, bis massive Schmerzen (Nagelbettverletzung bzw. Fingergelenk- oder Schienbeinschmerzen) auftraten. Auch dieses Instrument diente – wie alle Foltermethoden – ausschließlich der Geständniserzwingung vor dem Urteil.
Hirte beschreibt dieses Instrument als ein Fixiergerät, in das der Gefolterte eingesperrt wurde, sodass Knie und Arme zusammengekauert fixiert waren. Diese Fixierfolter erschwerte das Atmen und war ebenfalls ein Beweisgewinnungsverfahren, das nicht tödlich sein durfte.
Die Scavenger’s Daughter (Der Storch) aus dem Foltermuseum in Freiburg. Dieses Fixiergerät wurde in der Frühen Neuzeit zur Beweisgewinnung eingesetzt und durfte nicht tödlich sein.
Im Gegensatz zur Folter handelt es sich hier um eine sehr gängige Todesstrafe des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Hirte beschreibt, dass der Verurteilte an Armen und Beinen zusammengebunden und von vier Tieren – zumeist Pferden – auseinandergezogen wurde. Doch anders als in den TikTok-Videos war diese Methode nur für extreme Kapitalverbrechen reserviert. „Das waren die Osama bin Ladens des 16. Jahrhunderts – also die Höchst- und Schwerstverbrecher. Zum Beispiel besonders grauenvolle Massenmörder oder Kinderschänder.“ Die Strafe für schlechtes Essen sei definitiv „nicht so angemessen“.
Die fünf Stufen: Folter als geregeltes Verfahren
Alle genannten historisch belegten Methoden wie die Streckbank oder Daumenschrauben dienten der Geständniserzwingung und waren niemals eine willkürliche Strafe. Hirte unterstreicht, dass die Folter in der frühen Neuzeit einem streng geregelten, fünfstufigen Verfahren unterworfen war, ganz anders als Shaiies rasante Urteilsfindung auf TikTok.
Hirte erklärt die generelle historische Prozedur – wobei es regionale und zeitliche Abweichungen davon gab.
Erste Stufe (Drohen mit Gewalt, territio verbalis): Hier wurde den Angeklagten die Folter zunächst nur angedroht.
Zweite Stufe (Geräte zeigen bzw. anlegen, territio realis): Die Folterinstrumente (etwa die Streckbank) wurden angelegt, aber noch nicht angewendet. Man drohte mit dem Schmerz, um ein Geständnis zu erzwingen.
Dritte Stufe (Einfache Folter): Erst hier wurden die Instrumente angewendet. Dazu zählten die Daumenschrauben und die Einschraube, aber auch die Streckbank und die Streckleiter (der sogenannte trockene Zug).
Vierte Stufe (verschärfte Folter): Das Strecken einer Person auf Streckbank/Streckleiter
Fünfte Stufe (schärfste Form): Das Ziehen einer Person auf dem Trockenen Zug, teilweise mit beschwerenden Fußgewichten. Dazu kamen teilweise noch: Schlagen, Abbrennen der Körperhaare, Treiben von glühende Kienspänen unter die Nägel oder Bewerfen mit brennendem Schwefel oder Pech.
Diese strikte, auf Geständniserzwingung ausgerichtete Prozedur steht somit im diametralen Gegensatz zur sofortigen Todesstrafe, mit der Shaiie_foeva ihre Follower konfrontiert.
Der Anwalt auf der Streckbank: Shaiies Sippenhaftung
Das vielleicht absurdeste Element in Shaiies Videos ist die Verurteilung Unbeteiligter. Die Strafen für den Angeklagten weiten sich teils auf seinen Anwalt, den Uber-Fahrer oder gar den Mechaniker des Uber-Fahrers aus. Bringt der Angeklagte aber besonders gutes Essen, so können Vertreter der Gegenseite (Staatsanwälte, Polizisten) zu Folter und Tod verurteilt werden.
Mit der willkürlichen Einbeziehung Dritter bedient sich die Richterin der Kollektivstrafe – ein Konzept, das die moderne Rechtsprechung konsequent ablehnt. Für Hirte stellt diese Sippenhaftung einen massiven Bruch mit dem zentralen juristischen Prinzip der individuellen Schuld dar, das sich seit dem Hochmittelalter durchsetzte. Zwar war die Sippenhaftung im Frühmittelalter als soziale Sanktion noch gängig, doch in der modernen Rechtstradition ist sie „völlig draußen“.
Begriffsklärung – Sippenhaftung: Die Sippenhaftung, auch bekannt als Kollektivstrafe, bezeichnet die Bestrafung von Unbeteiligten – etwa Familienmitglieder oder andere Angehörige – für die Tat eines Einzelnen. Historisch war das Konzept vor allem im Frühmittelalter verbreitet, da die Schuld noch als kollektive Verantwortung gesehen wurde.
Tatsächlich gab es jedoch eine historische Präzedenz für die Bestrafung des Anwalts. Hirte erklärt, dass in Hochburgen der Hexenprozesse wie Würzburg oder Bamberg die Rechtsanwälte der Hexen teilweise selbst als Hexer mitverurteilt wurden, weil sie die Angeklagten unterstützten und damit als „mit dem Teufel im Bunde“ galten.
Shaiie knüpft damit an einen der grausamsten und willkürlichsten Anwendungsfälle der Sippenhaftung an. Und das zeigt Wirkung – dutzende Hobbyköch:innen veröffentlichten bereits Videos unter Titeln wie „Cooking to save my Laywer and my Uber Driver“.
Kritik: Todesstrafe zum Spaß?
Hirte zieht eine klare Linie bei den „Grenzen der Pietät“ und hält die humoristische Trivialisierung der Folter für zutiefst deplatziert. Angesichts des realen Leids, das Menschen durch Folter und Hinrichtungen erfahren mussten, sei es nicht hinnehmbar, „nur weil der Kuchen einem nicht schmeckt, mit Todesstrafen zu kommen.“
Wir haben Shaiie_foeva in einer Anfrage mit den zentralen Kritikpunkten von Hirte konfrontiert – den historischen Ungenauigkeiten ihres Formats und der Trivialisierung menschlichen Leidens. Ihre Antworten hätten dem Format eine notwendige Ebene der Einordnung geben können. Bis zum Redaktionsschluss dieses Textes blieb diese Stellungnahme jedoch aus.
Interessanterweise beweist der Erfolg des Formats, dass die spektakulärsten Mythen heute noch genauso gut funktionieren wie vor Jahrhunderten. Die populärsten und gleichzeitig grausamsten Foltergeräte – etwa der Sizilianische Bulle – sind meist ein Fake, eine Übernahme aus Märtyrerlegenden. Der Fake ist besserer Content. Wir sehen hier die gleiche Sensationslust, die schon im Mittelalter Verlage und Gruselkabinette antrieb.
Doch es bleibt die Frage, was dieser ‚Klamauk‘ mit uns macht. Der ‚Potluck Courtroom‘ trivialisiert nicht nur ein dunkles Kapitel der Justizgeschichte; er nutzt die Faszination für extreme Gewalt, um uns über ein liebloses Essen lachen zu lassen. Wir sehen daran, wie schnell wir bereit sind, die Grenze zwischen schrecklicher Realität und entspanntem Entertainment zu verwischen – solange das Zuschauen Spaß macht. Und in dieser Ambivalenz, in diesem Kopfschütteln zwischen Grauen und Lachen über den nächsten ‚verurteilten‘ Uber-Fahrer, liegt die eigentliche Anziehungskraft dieses Formats.
Redakteur, Moderator und Chefredakteur für diese Website. Mein Fokus liegt auf kritischem Journalismus, insbesondere bei Umwelt-, politischen und gesellschaftlichen Debatten. Ihr hört mich vor allem in unseren Beiträgen und Magazinsendungen.
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