Am 9.November 1989 fiel nicht nur die Berliner Mauer. Der Tag ist der Höhepunkt einer langen Zeit der friedlichen Proteste. Mit dabei war damals auch Ulrich Gagelmann, der seine Freiheit für mehr Mitbestimmung aufs Spiel setzte.
Stimmengewirr, Autos hupen, Menschen fallen sich in die Arme. Am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer. 28 Jahre trennte sie die Stadt in zwei Hälften. Sie zerschnitt Stadtviertel und Familien. Was auf den Straßen zu einem Freudentaumel wurde, begann ganz leise – fast nebensächlich.
Warum fiel die Berliner Mauer?
Kurz vor 19 Uhr tritt Günther Schabowski vor die Presse. Er ist Sprecher der DDR-Regierung. Beiläufig verkündet er Lockerungen der Reisefreiheit. Bürger der DDR können zukünftig schneller eine Reise ins Ausland beantragen. Eigentlich ist das kein Stoff für Revolutionen. Doch dann fragt ein Journalist, wann genau diese Regelung denn eintreten soll. Schabowski antwortet fälschlicherweise:
“Das tritt … nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich.“
Günther Schabowaski, 09.November 1989
Wie Dominosteine löst ein Ereignis das nächste aus. Denn die Worte von Schabowski werden überall in der DDR über den Rundfunk gesendet. Bald darauf sammeln sich die ersten Menschen vor den Grenzübergängen an der Mauer. Sie wollen die gerade frisch verkündete Reisefreiheit einfordern.
Die Grenzpolizei aber weiß von nichts. Keiner gibt ihr Befehle. Doch der Druck der Menge wird immer größer. Kurz nach 22 Uhr öffnen die Grenzer an der Bornholmer Straße die Tore. Die meisten Übergangsstellen ziehen wenig später nach. Für eine Sondersendung der ARD berichtet Robin Lautenbach live aus den Menschenmassen.
„Ja, Invalidenstraße. Hier herrscht seit drei Stunden ein beinah lebensgefährliches Gedränge auf beiden Seiten der Mauer, die man eigentlich gar nicht mehr Mauer nennen kann.
In beiden Richtungen geht der Verkehr, die Westberliner gehen nach Osten und kommen auch mal wieder zurück, die Ostberliner gehen nach Westen.“
Robin Lautenbach, Sender Freies Berlin vom 09.November 1989
Friedliche Revolution – DDR-Bürger gehen bei den Montagsdemonstrationen auf die Straße
Das kleine Wunder: Nirgendwo fiel an diesem Tag ein Schuss. Es ist eine friedliche Revolution. Der 9.November krönt eine lange Zeit des Widerstands. DDR-Bürger gingen immer wieder für ihre Rechte auf die Straße. Mit dabei: Ulrich Gagelmann aus Stendal. Als Mitglied der Kirche ist er bei Demozügen dabei. Gemeinsam tragen sie Kerzen, um friedlich zu protestieren.
Ulrich Gagelmann:
“Die erste Montagsdemo, die in Stendal vom Dom aus organisiert wurde, war ich nicht dabei, weil ich´s nicht wusste. Und dann eigentlich ziemlich regelmäßig und es wurden immer mehr und immer mehr und immer mehr.
Ich habs eh schon immer ein bisschen provoziert und habe es auch drauf ankommen lassen: Und habe meine Kerze der Stasi ins Fenster gestellt genau vor der schwarzen Scheibe, wo die Kamera war.“
Seine Frau und sein Sohn bleiben zuhause. Denn wer auf Demos geht, muss mit Gefängnis rechnen. Das Risiko aber geht Gagelmann bewusst ein. Denn er fühlt sich in der DDR gefangen.
Ulrich Gagelmann:
“Das ging los: Ich habe keine Jugendweihe, sondern nur Konfirmation. Und das war schon der große Makel in der DDR. Keine Jugendweihe heißt kein Abitur, kein Studium. Und nach der 10.Klasse hat man mir gleich gesagt, wo ich mich zur Lehre einzufinden habe. “
In den Fängen der Stasi – der Geheimdienst der DDR bespitzelt sein eigenes Volk
Persönliche Freiheit – Fehlanzeige. Seine Mutter ist 1963 in den Westen geflohen. Gagelmann wächst bei seinen Großeltern auf. Seitdem wurde er auf Schritt und Tritt überwacht. Offen zu sagen, was er denkt – undenkbar. Denn selbst kleinste politische Bemerkungen ziehen Haftstrafen und Unterdrückung nach sich.
Ulrich Gagelmann:
„Es wurden ja Leute aus unserem Umfeld eingesperrt bloß wegen politischer Äußerungen. In der Kneipe mal ein paar Worte zu viel gesagt, dann hat der Gaststättenaufenthalt drei Monate gedauert.“
Das Ministerium für Staatssicherheit, im Volk Stasi genannt, bespitzelte nahezu alles und jeden. Selbst engen Freunden und Verwandten konnte man nicht mehr trauen. Gegen diese Unfreiheit demonstrieren Ende der 80er immer mehr DDR-Bürger. Das System DDR fängt an zu bröckeln. Der 9.November wirkt für viele wie ein Befreiungsschlag. Ulrich Gagelmann erinnert sich noch gut an den Mauerfall.
Ulrich Gagelmann:
„Man hat´s registriert, aber die ersten Tage gar nicht für voll genommen.“
Die Deutsche Einheit kommt – bleibt jetzt nur Ostalgie?
Nicht mal ein Jahr hat es dann gedauert und Deutschland war wieder eins. Die Mauer ist mittlerweile fast überall verschwunden. In den Köpfen hält sie sich aber hartnäckig. Arbeitslosigkeit und radikale Positionen bestimmen lange Zeit die Schlagzeilen über Ostdeutschland.
Für Ulrich Gagelmann ist klar: Er will seine Freiheit nicht wieder verlieren. 2003 zieht er nach Bayern. Doch ganz ist die DDR nicht aus seinem Leben verschwunden. In seiner Garage schraubt er an einem Trabi, dem Kultauto der ehemaligen DDR.
Ulrich Gagelmann:
„Den Trabi, den ich habe, das ist ein Unikat. Das ist ein Cabrio. Und offiziell gab es nie Trabant-Cabrios. Dieses Ding, schon zu DDR-Zeiten mal schwirrte das im Kopf rum und durfte ich nie verwirklichen. Das ist keine Ostalgie, das ist einfach das, was man im Osten versäumt hat.“
Und so hat Ulrich Gagelmann dann doch noch seine persönliche Freiheit gefunden, auf die er so lange verzichten musste.
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