Schwarz-rot-gold: wie viel Flagge sollten wir zeigen?

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Schwarz-Rot-Gold – kaum ein Symbol steht so stark für die Geschichte und Identität Deutschlands. Aber: Unsere Nationalflagge hat einen schweren Stand. Wie sie überhaupt entstanden? Unser Reporter Jan hat hierzu Historiker Alexander Schmidt befragt. Er bringt Licht ins Dunkel der aktuellen Kontroversen.

In unserem Grundgesetz steht es in Artikel 22 (Justizministerium):

„Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.“

Artikel 22, Grundgesetz

Die Farben stehen für die Werte Einigkeit, Recht und Freiheit. Werte, auf die man mit Stolz blicken könnte. Nur, mit Nationalstolz und Flagge zeigen, tun wir Deutschen uns eher schwer.

Vor allem mit Blick auf unsere Vergangenheit. Mit der setzt sich Alexander Schmidt täglich auseinander. Der Historiker arbeitet am NS-Dokuzentrum in Nürnberg und beschreibt die historische Beziehung der Deutschen zu ihrer Flagge so:

Alexander Schmidt – Historiker:

“Ich denke, wir hatten da immer einen großen Kampf um die Fahne. Das beginnt schon weit vor der Weimarer Republik. In der Weimarer Republik war’s extrem. Schwarz-Weiß-Rot gegen Schwarz-Rot-Gold.“

Die Schwarz-rot-goldene Deutschlandflagge weht an einem Masten vor blauem Himmel.
Die Flagge ist eines der wichtigsten Symbole Deutschlands, doch wie oft sollten wir sie zeigen?

Deutschlandflagge: Ursprünge vor über 200 Jahren

Eins nach dem anderen. Um zu den Ursprüngen der schwarz-rot-goldenen Flagge zu kommen, müssen wir noch mal über 100 Jahre zurückreisen. Zum ersten Mal tauchte die Farbkombination in den Befreiungskriegen gegen Napoleon von 1813 bis 1815 auf. Die Soldaten der Lützowschen Freikorps, Freiwilligenverbände der preußischen Armee, trugen nämlich schwarze Uniformen, die rote und goldene Details hatten.

Einige davon gründeten wenig später eine Burschenschaft. Die Farben für deren Flagge waren schnell gefunden. Ein Meilenstein war dann 1832 das Hambacher Fest, bei dem tausende Menschen schwarz-rot-goldene Fahnen wehen ließen. Die Aussage war klar:

Alexander Schmidt – Historiker:

„Gegen die ganzen Monarchisten, gegen die Könige. Für ein freies und einiges Deutschland, dafür stehen diese Farben und daher kommt die Fahne. Es ist eigentlich eine Freiheitsfahne.“

Doch die Monarchisten wehrten sich weiter. Wenige Jahre nach der Revolution 1848 mussten die Menschen ihre schwarz-rot-goldenen Fahnen erst mal wieder abhängen. Jahrzehnte später kehrten sie in der Weimarer Republik – wenn auch umstritten – zurück. Doch nicht für lange Zeit.

Alexander Schmidt – Historiker:

„Im Nationalsozialismus war dann Schwarz-Rot-Gold abgeschafft und ab 1935 mit dem ersten Nürnberger Gesetz war auch die Hakenkreuz-Fahne, also nicht mehr Schwarz-Weiß-Rot, sondern die Hakenkreuz-Fahne die deutsche Nationalfahne. Das war praktisch ein Diktat von Hitler.“

1949: Schwarz-rot-gold steht im Grundgesetz

Nach Ende des zweiten Weltkriegs und der NS-Herrschaft war es dann aber endlich soweit: Schwarz-Rot-Gold wurde 1949 im Grundgesetz offiziell als Bundesflagge verankert und ist das bis heute. Vergessen ist die NS-Zeit aber natürlich nicht und sorgt auch 80 Jahre danach für Zögern und die Frage: Wie stolz darf ich eigentlich auf Deutschland und seine Flagge sein?

Alexander Schmidt – Historiker:

„Ich bin schon stolz darauf, dass Deutschland nach dieser ganzen Zeit des Nationalsozialismus jetzt so lange schon eine Demokratie ist. Und das macht mich stolz. Nicht die Farben, nicht die Flaggen, sondern dass wir eine offene Gesellschaft sind und dafür steht auch diese Flagge und da bin ich durchaus, wenn Sie so wollen, Patriot.“

Patriotismus – die emotionale Verbundenheit zu einem Land wie Deutschland. Erstmal etwas Gutes. Das Problem: Die Grenze zum Nationalismus ist fließend und ein Überschreiten ist brandgefährlich.

Alexander Schmidt – Historiker:

„Wenn sich so ein Patriotismus nicht auf sich selbst bezieht und sagt: „Ach, schön ist es hier in Deutschland, gern bin ich hier.“ Ja? Sondern wenn man sagt: „Die müssen alle weg, die mag ich nicht, die hasse ich.“ Dann ist man bei der Partei des Hasses und dann ist es kein Patriotismus mehr, sondern eigentlich menschenverachtender Nationalismus.“

So gefährlich ist die Instrumentalisierung der Flagge

Schwarz-Rot-Gold als Banner einer Ideologie, die mit Demokratie und Freiheit nichts mehr zu tun hat. Die Instrumentalisierung der Bundesflagge zeigt sich etwa bei Märschen von Rechten und Rechtsextremen oder in den Sozialen Medien, geht aber bis in die Parteispitze der AfD.

„Hängt Sie auf die Deutschlandfahnen! Ganz viele.“

Alice Weidel – Bürgerdialog Donaueschingen (Youtube)

Das war AfD-Chefin Alice Weidel bei einem Bürgerdialog im Oktober. Ein Clip des Aufrufs geht seitdem mit dem Hashtag #HissdieFlagge durchs Netz. Interessant ist aber auch: Eine Umfrage des MDR unterstreicht den Wunsch vieler Menschen nach mehr Sichtbarkeit der Flaggen im öffentlichen Raum. Das Stimmungsbild wurde in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen eingeholt, wo die AfD laut aktuellen Umfragen eine beliebte oder die beliebteste Partei ist.

82 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, dass an Behörden und Verwaltungsgebäuden dauerhaft eine Deutschlandfahne gehisst wird. Aktuell ist das nur an speziellen Beflaggungs-Tagen der Fall. 61 Prozent der Teilnehmenden sehen das auch bei Schulen so.

Zudem fordern mehrere CSU-Politiker, dass an öffentlichen Gebäuden dauerhaft die Deutschlandfahne gehisst wird. Ein Gedanke dahinter: Die Flagge nicht der AfD überlassen und demokratisch besetzen. Ist das richtige Weg? Historiker Schmidt hat Bedenken:

Alexander Schmidt – Historiker:

„Also ich plädiere sehr dafür, dass wir jetzt nicht in einen Wettstreit gehen, wer die meisten Flaggen irgendwo hisst, sondern, dass wir entspannt darauf bestehen, dass es unsere Farben sind.“

Diese Strafen bekommen Flaggen-Sünder

Übrigens: Wer die Bundesflagge oder andere Symbole Deutschlands verunglimpft, muss mit bis zu drei Jahren Gefängnis oder einer Geldstrafe rechnen. Ansonsten darf Schwarz-Rot-Gold von jedermann jederzeit und überall verwendet werden. Aber der Nürnberger Historiker hat eine andere Idee:

Alexander Schmidt – Historiker:

„Was wir machen müssen, ist unsere Demokratie feiern, unsere Demokratie schützen. Das ist wichtig. Ja und das heißt nicht unbedingt jetzt, dass man dauernd überall die Flagge hissen muss, aber sie gehört dazu.“

So gibt es auf die Frage, wie oft wir die Deutschland Flagge zeigen müssten, sollten oder dürfen am Ende wohl nur eine Antwort: Jeder wie er will und solange er im Rahmen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung handelt.

Vorbildfunktion hat nicht nur für Alexander Schmidt bis heute das Sommermärchen 2006. Bei der Fußball-WM in Deutschland machten die Fans das Land zu einem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer und feierten mit Fans aus der ganzen Welt.