Frauen sind glücklicher ohne Ehe? Was wir aus „Stolz und Vorurteil“ lernen können

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5–7 Minuten

„Stolz und Vorurteil“ – jeder kennt das Buch, aber wer hat das denn schon gelesen? Autorin Jana hat sich der Herausforderung gestellt und erklärt in Kurzfassung, worum es in Jane Austens Roman überhaupt geht und warum es, obwohl es so alt ist, immer noch Relevanz hat.

Popularität gewann das Buch leider erst nachdem die Autorin, Jane Austen, starb. Erst dann wurde es auch unter ihrem tatsächlichen Namen veröffentlicht. Austen überzeugt über die Jahre viele Leser durch ihre scharfen Beobachtungen von Liebe, Gesellschaft und… na ja: Stolz und Vorurteil.

Die hier genutzten Zitate sind aus der deutschen Übersetzung von „Stolz und Vorurteil“ von Karin von Schwab, erschienen 2017 im SoTo Verlag.

Die Geschichte

Diese dreht sich um Elizabeth Bennet, auch Lizzy genannt, eine kluge, unabhängige Frau, die im England des frühen 19. Jahrhunderts durch ihre Art etwas aneckt. Ihre Familie besteht aus ihren Eltern, Mr. und Mrs. Bennet, und den fünf Töchtern: Lizzy, Jane, Mary, Lydia und Kitty. 

Ihre Mutter, Mrs. Bennet, scheint nur ein Ziel im Leben zu haben: alle fünf zu verheiraten. Und das ist tatsächlich auch der Hauptplot des Buches, Heirat als das Hauptziel für alle und jeden. Austens Einleitungssatz bringt es auf den Punkt:

Es ist eine Wahrheit, über die sich alle Welt einig ist, dass ein unbeweibter Mann von einigem Vermögen unbedingt auf der Suche nach einer Lebensgefährtin sein muss.

Jane Austens „Stolz und Vorurteil“deutsche Übersetzung von Karin von Schwab

Verheiratet die Männer!

Schön, wenn der Heiratsdruck mal nicht auf der Frau liegt, im Gegenteil: Austen stellt einen ungebundenen Mann als unvollkommen dar, angewiesen auf eine Frau in seinem Leben. Eine erfrischende Abwechslung zu der auch heute noch zahlreich vertretenen, gegenteiligen Meinung in der Gesellschaft.

Schwiegersohn gesucht (und gefunden)

Als der etwas schüchterne, doch reiche Mr. Bingley in die Gegend zieht, ist die Mutter natürlich sofort ganz Feuer und Flamme, ihn mit einer ihrer Töchter zu verheiraten. Ihre Wahl steht dabei fest: Jane soll die Glückliche sein. Die älteste Tochter, wobei „alt“ hier für Anfang 20 steht. Jane wird nachgesagt, die schönste und liebenswerteste der Bennet-Töchter zu sein.

Auf einem Ball sollen die beiden sich näherkommen. Gleichzeitig lernen wir Bingleys Freund Mr. Darcey kennen. Ebenfalls wohlhabend, gutaussehend aber keineswegs so frohsinnig. Sein Vermögen spricht sich schnell herum, dennoch legt er einen denkbar schlechten ersten Eindruck hin, als er es ablehnt, mit Lizzy zu tanzen.

Erträglich, aber nicht genügend, um mich zu reizen.“

Lizzy hört das, und damit hat sich Darcey direkt mal richtig unbeliebt gemacht.

Während sich die Liebe zwischen Jane und Bingley langsam entwickelt, macht Darcey es sich zur Aufgabe, die beiden auseinander zu bringen. Der Grund für seine Ablehnung gegenüber der Bennet-Familie? Stolz
Als Edelmann kann er nicht verstehen, wie sein Freund Bingley Gefallen an einer Frau finden kann, die aus Darceys Sicht völlig unter seiner Würde ist.

Doch gleichzeitig beginnt Darcey selbst Gefühle für eine der Bennets zu hegen, die ihm doch eigentlich so unwürdig sind. Lizzy hat es ihm nun doch angetan.
Als er ihr schließlich seine Liebe gesteht, klingt das so unfreiwillig arrogant wie ehrlich:

Vergeblich habe ich mit mir gerungen; es geht nicht mehr so weiter. Meine Gefühle lassen sich nicht länger unterdrücken. Ich muss Ihnen jetzt sagen, wie sehr ich Sie bewundere, wie sehr ich Sie liebe.“

Lizzy gibt sich von seiner uncharmanten Liebeserklärung unbeeindruckt, ist von seiner Wortwahl aber deutlich verletzt. Noch dazu passt ihr alles, was gegen die Wünsche ihrer geliebten Schwester Jane geht, so gar nicht. Die Situation heizt sich auf und in einem Streitgespräch lässt sie Darcey mehr als deutlich wissen, was sie von ihm hält. 

Von Anfang an, vielleicht sogar schon vom ersten Augenblick unserer Bekanntschaft an, überzeugte mich Ihr Auftreten von ihrem anmaßenden Dünkel, ihrer Einbildung und ihrer eigensüchtigen Nichtachtung der Gefühle anderer Menschen; schon damals fasste ich eine tiefe Abneigung gegen sie, die durch alles, was später noch geschah, immer stärker und unerschütterlicher geworden ist.“

Darcey wiederum ist irritiert davon, wie wenig Eindruck sein Reichtum auf Lizzy macht. Gleichzeitig bringt die Abfuhr ihn dazu, sich selbst zu hinterfragen, und er beginnt, sich zu ändern.

Erst durch eine Reihe weiterer Verwicklungen und einem Skandal in der Familie erkennt Lizzy, dass sie Darcey unterschätzt hatte. Seine Aufrichtigkeit und Unterstützung ihrer Familie gegenüber setzt sich jedem ihrer Vorurteile entgegen. Und als die beiden während eines langen Spaziergangs ein klärendes Gespräch führen, probiert Darcey ein letztes Mal sein Glück: 

Wenn Sie noch genau so denken wie letzten April, dann sagen Sie es mir bitte ohne Schonung. Meine Gefühle und Wünsche sind unverändert geblieben; aber ein Wort von Ihnen genügt, und ich werde nie mehr darüber sprechen.

Diesmal akzeptiert Lizzy seine Liebeserklärung und die beiden sind nach ein paar hundert Seiten endlich verlobt. 

Frau mit braunen lockigen Haaren in Hochsteckfrisur und langem Kleid tanzt mit Mann mit dunklen Haaren und elegantem Anzug in einem edlen Ballsaal mit Kronleuchtern.
Quelle: KI-generiert (ChatGPT)

Heiraten um jeden Preis?

Heiraten, einen Ehemann finden, eine Familie gründen. Manch traditioneller Mensch sieht das auch heute noch als Lebenszweck einer Frau. Viele Frauen nehmen von diesem Rollenbild aber immer mehr Abstand.

Seit 2023 haben wir in Deutschland ein historisches Tief an Eheschließungen, Tendenz weiter sinkend (Eheschließungen und Scheidungen, Statistisches Bundesamt). Das Buch „Stolz und Vorurteil“ hat das Heiratsmodell schon Anfang des 19. Jahrhunderts angefochten.
Hochzeit? Ja, aber wenn dann aus Liebe und nicht einfach weil es sich so gehört. Erst beim Lesen wird einem wieder klar, dass unser System alles andere als selbstverständlich ist.

Zudem machen die modernen Parallelen zur Handlung das Buch zu einem zeitlosen Klassiker. Die Auseinandersetzung mit Oberflächlichkeit, sozialen Fassaden und Echtheit der Gefühle spricht Themen an, die heute genauso bedeutsam sind, wie vor 200 Jahren.

Das Buch hält eine gute Balance zwischen Werten, die in unserer Zeit leider etwas verloren gehen, und liberaleren Ansichten, die das enge Gesellschaftsideal sprengen.

Gedanken, die hängen bleiben

Also Ladies, was lernen wir daraus? Überlegt es euch gut, ob Heiraten genau das ist, was ihr wollt.

Kleiner Sidefact an der Stelle: Das statistisch gesehen glücklichste und gesündeste Leben haben wir Frauen außerhalb einer Ehe („Women are happier without children or a spouse, says happiness expert„, The Guardian). Für Männer gilt das übrigens umgekehrt. Ich weiß ja nicht, irgendetwas sagt mir, dass Jane Austen das schon lange vor Erhebung dieser Daten geahnt hat…

Und „Stolz und Vorurteil“ zeigt uns am Ende vor allem eines: Wenn wir unseren Stolz manchmal etwas herunterschlucken, sehen wir Menschen oft viel klarer. 

  • Jana Sindel

    Hey there! Ich bin Jana, Redakteurin beim Rabbit Radio. Ich liebe Biologie, Sozialwissenschaften, Sprachen und alles was mit Musik zu tun hat 🎶

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