Die Entfernung von Annas Spirale scheitert traumatisch. Ihr Fall zeigt ein systemisches Problem: Von Medical Gaslighting über Schmerzrelativierung bis zur finanziellen Benachteiligung bei Verhütung. Frauen wird im Gesundheitssystem oft nicht geglaubt.
Hinweis: Dieser Beitrag enthält detaillierte Beschreibungen von Schmerzen bei der Entfernung einer Hormonspirale.
Anna:
„Situation: Die Arzthelferin drückt meinen Uterus zurück und sie sucht nach der Spirale, sie sticht daneben und daneben und es tut weh und ich merke schon, wie immer mehr Blut aus mir rausfließt und wie ihr Ärmel schon ganz voll damit ist.
Das war schon in der Situation, da habe ich gedacht ‚Boah das werde ich nie vergessen. Ist das schlimm gerade.‘
Das ist Anna. Anna heißt eigentlich anders, möchte hier aber nicht namentlich erwähnt werden. Anna ist in der Praxis ihrer Frauenärztin. Seit etwa 6 Jahren ist sie hier schon Patientin. An diesem Tag soll ihre Hormonspirale entfernt werden. Es wird nicht gelingen.
Was sie hier schildert, ist zum Glück kein Alltag in jeder Praxis, aber es ist die Zuspitzung eines systemischen Musters. Also ein wiederkehrendes Vorgehen, das sich nicht auf einzelne Ärzte beschränkt, sondern im ganzen Gesundheitswesen vorkommt: in den Abläufen, in der Kommunikation und in der Forschung. Und genau dieses Muster zeigen nicht nur Annas Erfahrungen, sondern auch diverse Studien.
Anna: „Da habe ich versucht mit dem Schmerz irgendwie klar zu kommen und ruhig zu atmen. Da wurde ich dann total angeschnauzt: ‚Davon hyperventiliert man‘ ‚Sie hyperventilieren mir jetzt hier nicht. Sie müssen normal weiter atmen‘.
Anna beschreibt die Ärztin als extrem unsensibel und barsch. Die Anweisungen, wie sie zu atmen hätte, haben sie eher verunsichert als ihr geholfen.
Anna:
„Und dann kam nur ein ‚Also die Geburt ist viel schlimmer‘. Wo ich mir denke, gut, das hilft mir gerade sehr wenig, weil das hier tut auch sehr weh.
Alles in dieser total abstrusen Situation, dass du blutest wie ein Schwein und dir jemand im Unterleib herumzieht. Irgendwann haben sie es aufgegeben. Dann bin ich vom Stuhl runtergegangen und erst mal zusammengeklappt.“
Die Relativierung von Schmerzen von Frauen: Geschichte und Gegenwart
‚Die Geburt ist viel schlimmer.‘ Dieser Satz von Annas Frauenärztin, ist mehr als nur eine Bemerkung: Er relativiert den akuten Schmerz und signalisiert Anna: Stell dich nicht so an. Bettina Faulstich kennt diese Relativierungen. Sie war bis 2022 für 18 Jahre im Frauen-Mädchen Gesundheitszentrum (FMGZ) in Nürnberg tätig:
Bettina Faulstich:
„Das, was die Frau erzählt hat, ist kein Einzelfall. Also, wir haben schon von mehreren Frauen im FMGZ diese Sätze gehört, die sie wiederum von Gynäkologinnen zu hören bekommen haben.“
Das Schmerzen von Frauen als psychisch bedingt abgetan werden, ist seit Jahrhunderten der Fall. Der Begriff „Hysterie“ etwa stammt vom altgriechischen Wort für Gebärmutter. Dieses Vorurteil, dass Schmerzen von Frauen oft nur „emotional“ oder „eingebildet“ seien, wirkt bis heute.
Studien zeigen, dass Frauen in Notaufnahmen fast 30 Minuten länger auf Schmerzmittel warten als Männer. Außerdem bekommen Sie nach Operationen im Vergleich mit Männern häufiger Beruhigungs- statt Schmerzmittel.
Der Schmerz von Frauen wird im medizinischen System also oft nicht ernst genommen. Und das gilt nicht nur in akuten Notfällen, sondern auch bei der langfristigen Gesundheitsversorgung.
Medical Gaslighting: Wenn die Pille zur „Ausrede“ wird
Anna:
„Also als ich mit 18 gesagt habe, ich würde jetzt gerne langfristig verhüten, wurde mir die Pille angedreht. Das hat für mich nicht geklappt.
Als ich dann sehr viel zugenommen habe und sehr viel Migräne bekommen habe, sagte die Frauenärztin zu mir: ‚Frauen nehmen als Ausrede immer ganz gerne die Pille, wenn sie so viel zunehmen. Das hat damit nichts zu tun.‘“
Das ist ein klassisches Beispiel für Medical Gaslighting. So nennt man das, wenn Mediziner:innen die Beschwerden der Patient:innen anzweifeln oder als emotional abtun. Oder wie in Annas Fall: Wenn die eigene Körperwahrnehmung als „Ausrede“ behandelt wird.
Dabei sprechen die Zahlen eine andere Sprache: Laut einer Umfrage der Online-Arztpraxis ZAVA berichten fast 40 Prozent der Befragen Nutzerinnen der Pille über Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Migräne, ein Drittel über Gewichtszunahme. Dennoch bleibt die Pille oft der erste und einzige Vorschlag. Petra Linhard hat 10 Jahre in der Verhütungsberatung beim FMGZ gearbeitet und kennt dieses Vorgehen:
Petra Linhard, pensionierte FMGZ-Mitarbeiterin:
„Es gibt ganz viele Frauen, die hormonelle Verhütung nicht vertragen. Und der klassische Verlauf ist oft so, dass es mit verschiedenen Pillenpräparaten versucht wird und die Probleme aber gleichbleibend sind.“
Finanzielle Interessen vs. Patientinnenwohl
Das wirft die Frage auf: Warum bleibt die Pille so lange der Standard, obwohl die Zahlen so deutlich sprechen? Bettina Faulstich sieht hier einen klaren Interessenskonflikt:
Bettina Faulstich: „Frauenärzte beraten zu allem, was ihnen und den Pharmafirmen Geld bringt.“
Alternative Verhütungsmethoden, wie etwa ein Diaphragma oder spezialisierte Beratungen zu hormonfreien Methoden, sind für Praxen oft schlicht finanziell unattraktiver.
Unsere Betroffene, Anna, entscheidet sich nach eineinhalb Jahren mit Nebenwirkungen durch verschiedene Pillen für die Hormonspirale. Doch worauf sie sich da einlässt, ist ihr nicht klar.
Anna:
„Man hat mich vorher nicht wirklich drüber aufgeklärt, was da auf mich zukommt beim Einsetzen. Aber ich habe angefangen, unruhig zu werden als die Arzthelferin meine Hand genommen, mich gestreichelt und gesagt hat, ‚das ist gleich vorbei.‘“
Was folgt, beschreibt sie mit einem drastischen Bild. Sie fühlt sich nicht mehr als Patientin, sondern wie ein Fahrzeug in einer Werkstatt.
Anna:
„Ich habe mich gefühlt wie ein Auto, man ist unter mich gerollt. Es hat sehr viel geklackert, weil man mit Metall in mich rein und aus mir raus ist. Und es wurden dann Anweisungen an die Arzthelferin geschnauzt. Also mir hat das sehr weh getan.“
Die Kritik ist klar: fehlende Vorwarnung, fehlende Empathie und kein Angebot für Schmerzmittel.
Zulassung und Schmerzmanagement
Wenn das Einsetzen so schmerzhaft sein kann, warum wird es dann nicht als ernste Nebenwirkung bei der Zulassung der Spirale berücksichtigt? Bettina Faulstich sagt dazu:
Bettina Faulstich:
„Als reines Verhütungsmittel ist die Spirale nicht schlecht. Also dadurch kriegt sie eine Zulassung, weil es wird nicht das Einsetzen beurteilt, sondern inwiefern verhindert sie Schwangerschaften.“
Und darin ist die Spirale eben sehr gut.
Zurück zu Anna: Trotz dieses Traumas und des fehlenden Schmerzmanagements entscheidet sie sich drei Jahre später für die zweite Spirale – weil die Langzeitwirkung so gut war. Aber auch auf Nachfrage erhielt sie wieder keine Schmerzmittel.
Doch drei Jahre nach dem Einsetzen muss die zweite Spirale wieder raus – aber es funktioniert in der Praxis nicht – denn sie ist eingewachsen. Der Eingriff muss später unter Vollnarkose stattfinden. Direkt nach der fehlgeschlagenen Entfernung kommt die Ärztin mit einem Ratschlag auf Anna zu.
„Sie dürfen dem Anästhesisten nicht sagen, dass Sie wegen einer Spirale operiert werden möchten. Sie werden dem sagen, Sie haben unregelmäßige Blutungen und wir müssen eine Ausschabung machen.
Das ist ein bisschen ein kleiner Chauvinist. Der empfindet es als persönliche Verfehlung der Frauen, wenn die das Spirale-Ziehen unter Narkose machen wollen.“
Verhütung gilt als „Privatsache“
Anna soll lügen, um die Kosten der Narkose nicht selbst tragen zu müssen. Ob der Anästhesist tatsächlich so dachte – und ob Anna die Kosten tatsächlich hätte tragen müssen – lässt sich nicht nachvollziehen. Doch dieses Gespräch offenbart etwas Entscheidendes: Die Ärztin selbst geht davon aus, dass die Wahrheit – nämlich die Narkose zur Entfernung einer Spirale – nicht als medizinisch notwendig anerkannt würde.
Verhütung wird im Gesundheitssystem oft als Lebensstilentscheidung behandelt, ähnlich wie Schönheits-Operationen. Damit gelten sie als Privatsache.
Die Konsequenz: Kurz vor der OP inszeniert Annas Ärztin die Lüge:
„Ja, Frau *****, sie sind ja jetzt da für ihre ‚Ausschabung‘ wegen Ihren ‚unregelmäßigen Blutungen‘.“
Annas Geschichte ist, wie sie selbst und die Expertinnen sagen, ein Extremfall. Aber die Mechanismen sind alltäglich: Der Schmerz, den Frauen beim Einsetzen der Spirale haben, scheint den Angestellten der Arztpraxis sehr gut bekannt zu sein. Dazu kommen die Relativierung von Schmerz, Medical Gaslighting und die finanzielle Benachteiligung, sobald ein Eingriff mit Verhütung zu tun hat.
Anna:
„Das kann doch nicht wahr sein, was mit uns gemacht wird, weil wir keinen Bock haben, Babys zu kriegen.“
Die gute Nachricht: Es tut sich etwas
Junge Frauen fordern zunehmend bessere Standards – Fakt ist:
Die Nutzung der Pille geht zurück, besonders bei jungen Frauen. Das zwingt die Gynäkologie, sich mit hormonfreien Alternativen auseinanderzusetzen.
Die Forschung zur sogenannten Gender Pain-Gap wird intensiviert. Die breite Öffentlichkeit beginnt zu verstehen, dass Schmerzen von Frauen systemisch zu wenig behandelt werden.
Initiativen wie das FMGZ beraten Frauen zu alternativen Verhütungsmethoden und geben Tipps zu guten Frauenärzt:innen
Redakteur, Moderator und Chefredakteur für diese Website. Mein Fokus liegt auf kritischem Journalismus, insbesondere bei Umwelt-, politischen und gesellschaftlichen Debatten. Ihr hört mich vor allem in unseren Beiträgen und Magazinsendungen.
Passend zu unserer Themensendung „Alles im Arsch“ haben unsere Autoren Daniel und Jana eine kleine Collage der arschigsten Filmzitate zusammengestellt. …
Die Entfernung von Annas Spirale scheitert traumatisch. Ihr Fall zeigt ein systemisches Problem: Von Medical Gaslighting über Schmerzrelativierung bis zur…
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