Was bedeutet es für einen angehenden Profi-Basketballspieler, von heute auf morgen verletzt zu sein? Kristian Ortelli erzählt von seiner Verletzungshistorie, wie er sich zurück ins Training gekämpft und wie sich so seine Einstellung dem Sport gegenüber verändert hat.

Kristian Ortelli:
„Ich wünschte jetzt das wäre schon das Ende von meiner Verletzungshistorie, aber es kam dann anders.“
Diesen Satz hat Kristian Ortelli in unserem Interview ziemlich oft verwendet. Seit seinem achten Lebensjahr ist er begeisterter Basketballspieler. Für ihn ist Basketball nicht einfach nur ein Spiel, sondern seine Leidenschaft. Das ist die Geschichte eines Sportlers, der wieder zurückgekämpft, aus seinen Erfahrungen gelernt und immer weitergemacht hat.
Alles beginnt, als er damals zusammen mit seiner Schwester die Ballschule besucht. Schnell wird ihm klar, dass diese orangene Kugel einmal eine größere Rolle in seinem Leben spielen würde.
Kristian Ortelli:
„Basketball hat auch wirklich etwas mit meiner Persönlichkeit gemacht. Schon in den ersten zwei bis drei Jahren habe ich schon gemerkt, ich werde dadurch selbstbewusster. Am Anfang habe ich mich gar nicht getraut, wirklich Würfe zu nehmen oder andern Leuten eine Ansage zu machen im Spiel oder im Training und das ist dann immer besser geworden, ich habe immer mehr Verantwortung übernommen. Und ja, es hat sich dann einfach so ergeben, dass ich leistungsmäßig die Angebote bekommen habe.“
Ausgebremst im vollen Lauf
Mit 14 Jahren erhält er schließlich die Chance, auf das Sportinternat in Bamberg zu gehen und zögert nicht lange. Kristians Familie unterstützt ihn seit Tag eins seiner Spielerkarriere. Er lebt sich gut im Internat ein, doch dann geschieht etwas, womit er selbst bis zu diesem Zeitpunkt nicht gerechnet hatte: Er zieht sich einen Meniskusriss im linken Knie zu. Es dauert dreieinhalb Monate, bis er wieder mit dem Training beginnen kann. Kurz darauf folgt der Meniskusriss im anderen Knie.
Kristian Ortelli:
„Und das kann man sich beim Meniskusriss folgendermaßen vorstellen: Das waren dann immer dreieinhalb Monate, die ich gebraucht habe, um wieder zurück zu kommen und es war ja nicht ein gleichzeitiger Riss. Und das hat mich dann schon echt zurückgeworfen und dann konnte ich die ganze Saison kein Basketball spielen.“
Sobald es geht, beginnt er wieder mit seinem Training – diesmal mit verstärktem Fokus auf Drei-gegen-drei-Spiele. Für alle, die mit Basketball nicht so viel anfangen können: Normalerweise stehen pro Mannschaft fünf Personen auf dem Feld, und wie der Name „Drei gegen drei“ schon sagt, spielt man hier jeweils nur zu dritt gegeneinander – und das auch nur auf dem halben Spielfeld.
Kristian kann also endlich wieder spielen. Er schafft es in den Kader der U17-Nationalmannschaft. Für ihn geht es zur Drei-gegen-drei-EM nach Griechenland. Endlich scheint für ihn alles gut zu laufen. Bis zu dem Spiel gegen Kroatien.
Für das deutsche Team sieht es bisher nicht gut aus. Wenn sie dieses Spiel verlieren, wären sie bei der EM ausgeschieden. Die ganze Aufmerksamkeit liegt nun auf den Spielern. Kristian hat den Ball, zieht zum Korb – doch dann fällt er plötzlich zu Boden.
Kristian Ortelli:
„Ich habe mich abgestützt mit meinem Handgelenk und ich bin dann irgendwie komisch drauf gefallen, ich weiß es gar nicht mehr. Im Replay sah es auch ganz komisch aus. Hab mich so abgestützt, wollte wieder aufstehen und in dem Moment, als ich auf dem Boden aufkam, steigt mir ein kroatischer Nationalspieler auf das Handgelenk drauf.“
Kristian zieht die letzten Minuten des Spiels durch, doch leider reicht es am Ende nicht, um weiterzukommen. Sein schmerzendes Handgelenk wird zu Hause in Bamberg geröntgt und man kommt zu dem Schluss, dass es sich nur um eine Prellung handelt. Was man zu dieser Zeit nicht weiß: Kristian hat einen äußerst komplizierten Bruch in seiner Hand erlitten. Dieser sogenannte Kahnbeinbruch ist auf regulären Röntgenaufnahmen nur schwer zu erkennen.
Also trainiert er weiter. Inzwischen spielt er unter anderem als Jugendspieler in der 2. Bundesliga. Er spielt ein Spiel nach dem anderen, obwohl er nach wie vor Schmerzen hat.
Kristian Ortelli:
„Ja, es hat bis dahin alles funktioniert, es ging. Ich habe natürlich den Schmerz gespürt, aber ja. Dann hat es eben noch ein Spiel gegen Jena gebraucht, bei dem ich mir dann mein Außenband gerissen habe. Quasi die typische Basketballer Verletzung: alle drei Außenbänder durch.“
Wieder muss Kristian ins MRT. Und auf Empfehlung seines Arztes wird auch gleich noch ein sogenanntes Verlaufs-MRT von seiner Hand gemacht – nur so zur Sicherheit. Erst jetzt stellt man den Kahnbeinbruch fest und Kristian muss mit den Konsequenzen leben.
Reha, Schonzeit, kein Basketball. Er erholt sich gut, zieht nach Würzburg und wechselt auch sein Team. Die Saison läuft, und er ist wieder mittendrin.
Der Rückschlag, der stiller brannte
Erinnert ihr euch noch an den Satz ganz am Anfang?
Kristian Ortelli:
“Ich wünschte jetzt das wäre jetzt schon des Ende von meiner Verletzungshistorie, aber es kam dann anders.“
Das trifft es jetzt ganz passend. Kristian erleidet erneut einen Meniskusriss am linken Knie. Als wäre das nicht schon schlimm genug, folgt schon bald der Zweite am rechten.
Kristian Ortelli:
„Also das war wahrscheinlich mit der schlimmste Moment im Basketball. Ich würde nicht sagen in meinem Leben, aber das war für mich so das erste Mal, wo ich wirklich gedacht habe „Das kann doch nicht sein“ und da hatte ich echt einen mentalen Zusammenbruch. Ich hatte viele Gedanken, dass ich aufhöre mit Basketball, also ich habe, glaube ich, eine Woche lang den Sinn nicht gesehen. Warum soll ich mich wieder zurück arbeiten? Warum soll ich wieder zu alter Stärke finden, wenn es mir nach zwei Monaten sowieso wieder genommen wird?“
Nach ein paar Tagen geht es Kristian dank der Unterstützung seiner Familie schon besser und er ist bereit, wieder positiv an die ganze Sache heranzugehen.
Kristian Ortelli:
„Ich will einfach weitermachen, weil ich einfach diese Leidenschaft für den Basketball hab. Ich hab insgesamt für Sport einfach eine große Leidenschaft. Und dann habe ich beschlossen, dass ich mich wieder zurück arbeiten will.“
Kristian sagt, er wolle die Erfahrung, von Verletzungen geplagt zu sein, mitnehmen und in etwas Gutes verwandeln. Er möchte sich selbst mehr Ruhe geben als früher und hat sich inzwischen dazu entschieden, wieder aus Würzburg wegzugehen. Weg vom Leistungszentrum. Weg vom Druck.
Kristian Ortelli:
„Ich wollte mir immer selbst beweisen, dass ich es im Vergleich zu den Anderen in meinem Team besser kann. Das hat mir vielleicht ganz andere Blickwinkel geöffnet, dass ich verletzt war.“
Was die Stille in ihm formte
Also schon als Jugendlicher erlebt Kristian das, wovon viele Basketballer träumen: Sportinternat in Bamberg. Nachrücken in die Bayern-Auswahl. Und mit gerade einmal 15 Jahren sein Bundesliga-Debüt. Momente, auf die jeder stolz wäre – auch er.
Kristian Ortelli:
„Ich hab mir das alles erarbeitet und darauf war ich echt stolz.“
Doch seine Traumkarriere wird immer wieder ausgebremst. Verletzungen, Rückschläge, Pausen. Und genau dort – im Stillstand – verändert sich etwas in ihm. Früher war es der große Erfolg, der Stolz in ihm auslöste. Der Peak, wie er es nannte. Also der Moment ganz oben. Mittlerweile ist es eher der Weg dorthin.
Mit jeder Verletzung wird gerade ein Thema wichtiger: seine Familie. Nach seinem letzten Rückschlag fällt Kristian in ein Loch. Die Frage “Wie kann das sein?” lässt ihn nicht los. Doch seine Familie bleibt an seiner Seite – die ganze Zeit. Und vielleicht macht ihn genau deshalb heute etwas ganz anderes stolz:
Kristian Ortelli:
„Wenn ich ein Spiel von mir spiele und ich sehe meinen Dad und meine Mum da im Publikum. Und darauf bin ich richtig stolz.“
Jetzt steht Kristian wieder für seinen Heimatverein, den TSV Nördlingen in der 1. Regionalliga auf dem Feld. Manchmal fragt er sich noch: “Was wäre ohne die Verletzungen gewesen?”. Doch er konnte Frieden damit finden.
Kristian Ortelli:
„Für mich waren das die Phasen, in denen ich mich selbst gefunden habe.”
Wie es im Basketball für Kristian weitergeht? Das lässt er sich offen. Denn das Ziel war ihm mal wichtig, heute zählt der Weg.