Drogenprobleme sind oft unsichtbar. Rukiye Kacmaz hat für ihre Recherche eine junge Frau getroffen, die anonym über ihre Sucht spricht. Im Gespräch mit David Friedrich teilt sie ihre Eindrücke über Einsamkeit, Leistungsdruck und die Gefahr der Tabuisierung im Alltag.
Dieser Beitrag wurde von einer Schülerin der FOS / BOS Triesdorf im Rahmen eines einjährigen Projekts zum Thema Medienkompetenz gemeinsam mit Redakteur:innen von Rabbit Radio recherchiert und produziert. Er ist Teil einer ganzen, von Schüler:innen gestalteten Sendung.
Für ein Projekt zum Thema Drogenkonsum und Gesellschaft hat Rukiye Kacmaz eine Betroffene interviewt, die anonym bleiben möchte. Es ist eine Geschichte über den schleichenden Übergang von Neugier zur psychischen Abhängigkeit. Im Kollegengespräch mit David Friedrich berichtet Rukiye von ihren persönlichen Eindrücken und der Frage, warum Sucht in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabu ist.
David Friedrich: Hallo Rukiye. Du hast dich für deine Recherche mit einer jugendlichen Drogensüchtigen unterhalten. Da würde ich direkt mit der ersten Frage rein starten. Wie kam es eigentlich zu dem Interview?
Rukiye Kacmaz:
Das Interview war Teil eines Projekts zum Thema Drogenkonsum und Gesellschaft. Ich wollte eine möglichst authentische Perspektive einfangen, also habe ich über meinen Freundeskreis jemanden gefunden, der bereit war, anonym mit mir darüber zu sprechen.
David Friedrich: Was war dein erster Eindruck, als du sie getroffen hast?
Rukiye Kacmaz:
Ganz ehrlich, ich war überrascht, wie normal alles wirkte. Es war keine Szene-Person oder jemand, den man sofort stereotypisch mit Sucht verbinden würde. Das hat mir nochmal gezeigt, wie unsichtbar Drogenprobleme oft sind.
David Friedrich: Wie hat sich das Gespräch für dich persönlich angefühlt?
Rukiye Kacmaz:
Sehr intensiv. Ich habe gespürt, dass da viel mehr dahinter steckt als nur der Konsum. Es ging um Einsamkeit, Druck, Flucht.
David Friedrich: Gab es irgendwas an ihrer Geschichte, was dich irgendwie besonders bewegt hat? Was dich vielleicht sogar überrascht hat?
Rukiye Kacmaz:
Ja, vor allem der Einstieg in den Drogenkonsum. So beiläufig. Es war einfach Neugier, Gruppendruck, Party – und wie schnell das dann zur Gewohnheit wurde.
David Friedrich: Es passiert ja schnell, dass man irgendwie durch Partys oder sowas auf Drogen kommt und dass das vielleicht etwas extremer wird. Das ist schon krass. Gab es irgendwie einen Moment, der dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Rukiye Kacmaz:
Als sie gesagt hat, dass sie Angst davor hat, wie es ihr ohne Drogen gehen würde. Wie stark abhängig sie von diesen Drogen ist. Nicht nur körperlich, sondern auch psychisch.
David Friedrich: Ja, das ist schon sehr extrem, wie die Drogen, wie das Suchtgefühl einen verletzt oder wie das einen beeinflusst. Welche Rollen haben Familie oder vielleicht ihr Umfeld in ihrem Leben dann gespielt?
Rukiye Kacmaz:
Das Umfeld war sehr zwiegespalten. Einige haben sie gewarnt und wollten helfen. Andere haben selber konsumiert und das Ganze verharmlost. Also man merkt, wie stark soziale Kreise dabei eine Rolle spielen.
David Friedrich: Was denkst du? Wird das genug verstanden oder wird das eher vielleicht tabuisiert?
Rukiye Kacmaz:
Eher tabuisiert, definitiv. Also viele sehen nur das Ergebnis, den Konsum, aber nicht die Ursachen. Es fehlt an Empathie und Verständnis, besonders für die psychischen Hintergründe.
David Friedrich: Hat sich dein Blick durch dieses Gespräch stark verändert oder gibt es Nachwirkungen auf dich?
Rukiye Kacmaz:
Ich war vorher auch eher distanziert, vielleicht sogar etwas wertend. Jetzt sehe ich es differenzierter. Niemand wird aus Spaß abhängig.
David Friedrich: War dieses Gespräch im Allgemeinen für dich jetzt stark belastend oder hattest du irgendwelche psychischen Nachwirkungen vielleicht sogar?
Rukiye Kacmaz:
Teilweise schon. Man merkt, wie hilflos man oft ist. Man möchte helfen, aber man kann niemanden zur Veränderung zwingen. Ich glaube, dass das Zuhören oft wichtiger ist als Ratschläge. Ich glaube, dass es viel Mut braucht, so offen über eigene Schwächen zu sprechen.
David Friedrich: Kannst du vielleicht anderen etwas mitgeben, die vielleicht mit Drogensüchtigen in der Zukunft arbeiten oder etwas auf den Weg geben?
Rukiye Kacmaz:
Seid empathisch, hört zu, ohne zu urteilen und denkt daran, jeder Mensch ist mehr als seine Sucht. Vertrauen und Respekt sind der erste Schritt in jedem Gespräch.
Drogenkonsum unter Jugendlichen wird oft verharmlost. Dabei darf man nicht vergessen, wie gefährlich der Konsum sein kann. Wenn du selbst betroffen bist oder jemanden kennst, der Hilfe braucht: Zögere nicht, dir Unterstützung zu holen. Es gibt immer Anlaufstellen wie z. B. Sucht- & Drogen-Hotlines (01806 313031) und Menschen, die dir zuhören.
Mehr Beiträge aus der Sendung der FOS / BOS Triesdorf:
-
Schlösser, Markgrafen und Ackerbauschule: Die bewegte Geschichte Triesdorfs
Mehr als nur Kühe und Hörsäle: Triesdorf blickt auf eine fürstliche Vergangenheit zurück. Doch wie wurde aus einer barocken Sommerresidenz…
von
-
Zwischen Kontrolle und Empathie: Ein Justizvollzugsbeamter berichtet
Ein Job hinter Gittern – für viele unvorstellbar, für Justizvollzugsbeamte Routine. Doch wie schafft man den Spagat zwischen strikten Regeln…
von
-
„Niemand wird aus Spaß abhängig“ – Ein Blick hinter Recherche zur Drogenabhängigkeit von Jugendlichen
Drogenprobleme sind oft unsichtbar. Rukiye Kacmaz hat für ihre Recherche eine junge Frau getroffen, die anonym über ihre Sucht spricht.…
von
-
Sexuelle Gewalt – Erfahrungen, Folgen und Hilfe in Ansbach
Sexuelle Gewalt ist oft unsichtbar – auch in Ansbach. In diesem Beitrag bricht die Betroffene Anna ihr jahrzehntelanges Schweigen. Gemeinsam…
von
-
Internationales Agrarmanagement: Warum Triesdorf weltweit Studierende anzieht
Wie ist es, als internationale Studentin in Deutschland Fuß zu fassen? Polina aus Russland erklärt, warum sie an der Hochschule…
von
-
Hinter verschlossenen Türen: JVA-Direktor Thomas Vogt über Haftalltag und Menschenrechte
Im Interview spricht der Gefängnisdirektor der Justizvollzugsanstalt Nürnberg über den Alltag hinter verschlossenen Türen, die Herausforderungen des Strafvollzugs und warum…
von
-
Journalismus-Training und KI: Ein Blick in die Redaktion der Rabbit Radio Ai-School
Was passiert, wenn Schüler:innen die Redaktion übernehmen? In diesem Ausschnitt aus der Rabbit Radio Ai-School diskutieren David und Lea mit…
von
-
Sendung: Von Triesdorf bis hinter Gitter – Rabbit Radio School
Premiere bei Rabbit Radio: Die FOS Triesdorf übernimmt das Mikro! Ein Jahr lang haben Schüler:innen in unserem Projekt zu Medienkompetenz…
von









