Historische Versöhnung – Deutschland und Frankreich

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Aus „Erbfeinden“ wurden Freunde: Seit dem Élysée-Vertrag von 1963 verbindet Deutschland und Frankreich eine besondere Freundschaft. Doch was bedeutet sie heute – jenseits von Politik und Sonntagsreden? Von Olympia-Projekten über Hochschulaustausch bis hin zu einer binationalen Familie – eine Freundschaft, die Europa prägt. Wie Austauschprogramme, Sportbegegnungen und persönliche Lebensgeschichten die deutsch-französische Verbundenheit lebendig machen.

Die Hauptstädte Paris und Berlin trennen knapp 900 Kilometer.
Deutschland und Frankreich. Zwei Länder, zwei Sprachen, zwei Kulturen.
Und doch verbindet die beiden Staaten heute mehr als nur eine Grenze.

Zwei Frauen sitzen in einem Sitzungssaal an einem Konferenztisch, vor ihnen Mikrofone, Unterlagen und Namensschilder; im Hintergrund stehen die Flaggen Deutschlands, Frankreichs und der Europäischen Union, was auf eine deutsch-französische Parlamentssitzung schließen lässt. Ein Ausdruck der deutsch-französischen Freundschaft.
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner reiste im Rahmen der 11. Sitzung der Deutsch-Französischen Parlamentarischen Versammlung (DFPV) nach Paris. Hier Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (l), CDU/CSU, MdB, und die Präsidentin der Assemblée nationale, Yaël Braun-Pivet (r), während der Sitzungsleitung der DFPV.


Élysée-Vertrag als wichtige Säule

Dabei war das Verhältnis nicht immer freundschaftlich.
Über viele Jahrzehnte hinweg galten Deutschland und Frankreich als sogenannte „Erbfeinde“. Ein historisch geprägter Begriff, der im 19. und frühen 20. Jahrhundert verwendet wurde, um die als dauerhaft und schicksalhaft empfundene Gegnerschaft zwischen beiden Nationen zu beschreiben. Drei Kriege innerhalb von siebzig Jahren festigten dieses Narrativ und ließen Misstrauen sowie gegenseitige Feindbilder auf beiden Seiten des Rheins entstehen.


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Der Wendepunkt kam 1963. Mit dem Élysée-Vertrag besiegelten Bundeskanzler Konrad Adenauer und Frankreichs Präsident Charles de Gaulle etwas bis dahin Undenkbares: eine bewusste politische Versöhnung.

Das Bild zeigt Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle (links) und Konrad Adenauer (rechts). Beide haben einen freundlichen Gesichtsausdruck.
Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle (links) und Bundeskanzler Konrad Adenauer.
Foto: Ludwig Wegmann (CC BY-SA 3.0 DE)

Ein Vertrag, der nicht nur Regierungen, sondern vor allem die junge Generation in den Mittelpunkt stellte.
Aus dieser Idee entstand noch im selben Jahr eine einzigartige Institution: das Deutsch-Französische Jugendwerk – oder auf Französisch: das Office franco-allemand pour la Jeunesse, kurz OFAJ. (Link zur Seite des OFAJ).

OFAJ als Brückenbilder

Seit über sechs Jahrzehnten bringt das OFAJ junge Menschen aus beiden Ländern zusammen. Mehr als neun Millionen Jugendliche haben so das Nachbarland kennengelernt. Bei Schüleraustauschen, Freiwilligendiensten, Studienprogrammen oder Sportbegegnungen.

Eine länderübergreifende Sportbegegnung hat auch die Deutsche Sportjugend und die Deutsche Olympische Akademie organisiert. Gemeinsam mit dem Französischen Olympischen Komitee anlässlich der Olympischen Spiele in Paris. Unterstützt vom OFAJ. Luca Wernert hat für die deutsche Seite das Jugendlager (Link zur Seite des zum Jugendlager) geleitet. 50  engagierte junge Menschen und Leistungssportler aus jedem der beiden Länder kamen zusammen.

Das Bild zeigt das Logo des Deutsch-Französischen Jugendwerk.
Das Logo des Deutsch-Französischen Jugendwerks.
Foto: https://www.dfjw.org/

Luca Wernert:

„Ganz besonders positiv ist mir in Erinnerung geblieben, wie die jungen Menschen in der Großstadt Paris, im Flair der Olympischen und Paralympischen Spiele richtig aufgeblüht sind, in einer internationalen Umgebung, in vielen neuen Situationen, emotionalen Situationen und auch die herausfordernden Themen und Termine und Begegnungen mit Bravour gemeistert haben, gezeigt haben, dass die jungen Engagierten und die jungen NachwuchsleistungssportlerInnen in Deutschland und Frankreich motiviert sind.“

Schöne Erfahrungen an der Hochschule Ansbach

Diese Begegnungen prägen oft ein Leben lang. Das weiß auch Milo Vacquié Scheibli. Der gebürtige Franzose war die vergangenen beiden Semester für ein Auslandsjahr an der Hochschule Ansbach.

Milo Vacquié Scheibli:

„Ich war schon mehrmals in Deutschland und habe dieses Land immer sehr gemocht. Es wirkt auf den ersten Blick kalt, aber letztendlich ist es gar nicht so. Ich habe meinen Aufenthalt in Ansbach mit allen wirklich sehr genossen. Ich habe unglaubliche Menschen kennengelernt, die hoffentlich mein Leben lang meine Freunde bleiben werden.“

Nicht nur die Menschen haben bei Milo Eindruck hinterlassen. Auch die deutsche Esskultur gefiel ihm sehr.

Milo Vacquié Scheibli:

„Ich habe einige interessante Biersorten kennengelernt. Zum Beispiel Radler. Schnitzel und Spätzle haben mir sehr gut geschmeckt. Das Essen in der Mensa in Ansbach war sehr gut und von hoher Qualität.“

Deutsche-Französische Partnerschaften

Im Studium haben sich auch die Eltern von Elisabeth Kreher kennengelernt. Ihre Mutter kommt aus Frankreich, ihr Vater aus Deutschland. Die 19-Jährige studiert Tiermedizin in München.

Elisabeth Kreher:

„Also für mich war eigentlich immer das Deutsch-Französische sehr präsent. Ich hatte auch bis ich zehn Jahre alt war, keinen deutschen Pass. Immer nur den französischen. Denn der Vorteil ist, da muss man nicht so oft das Bild erneuern.“

Dass eine deutsch-französische Beziehung auch für Konflikt-Potential sorgen kann, hat Kreher schnell gemerkt.

Elisabeth Kreher:

„Es gibt ja den deutschen Spruch, fünf Minuten vor der Zeit ist des Kaisers Pünktlichkeit. Da kommen dann eher die südfranzösischen Wurzeln bei meiner Mutter durch und auch beim Rest der Familie. Also bei meinem Bruder und mir ist es dann so, dass wir es eher so als grobe Zeiteinordnung sehen und meistens auch die Tendenz haben, eher zu spät zu kommen.

Zu spät, jetzt eher so, nicht unbedingt fünf Minuten zu spät, sondern so bis zu einer Stunde zu spät. Man muss uns immer eine Uhrzeit geben, die vor der eigentlichen Uhrzeit ist, damit wir dann immer pünktlich kommen.“

Auch einige der anderen typischen Klischees kann Kreher bestätigen.

Elisabeth Kreher:

„Für den Franzosen ist das Essen immer der Mittelpunkt des Lebens und so ist das auch bei mir. Also ich kann nicht aufstehen, ohne mir zu überlegen, was esse ich zu Mittag, was esse ich zu Abend. Oder wenn ich einen Ausflug plane, okay wo kann man irgendwie einen Stopp machen, irgendwas zu essen holen.“

Sprache mehr als nur Verständigung

Bei gutem Essen sitzen Deutsche und Franzosen gerne am Tisch zusammen. Nur blöd, wenn dann die Verständigung nicht klappt. Der Élysée-Vertrag legte auch fest, dass die deutsch-französische Versöhnung durch den Spracherwerb vertieft werden solle. Für viele ist der Schulunterricht der erste Kontakt mit dem Nachbarland. Dieter Schopf ist Lehrer am Rhön-Gymnasium in Bad Neustadt. Für ihn ist Sprache mehr, als nur die bloße Verständigung.

Dieter Schopf:

„Ich sehe einfach immer, wie wichtig es ist, zumindest rudimentär die französische Sprache zu beherrschen, wenn ich im Lande bin, weil man sich damit eigentlich eine Türöffnerfunktion sozusagen erschließt.

Man kann nicht von vornherein erwarten, dass die Franzosen als eher sprachfaul, dann im Deutschen so bewandert sind, dass sie sich mit dir unterhalten können. Und über die Sprache erschließe ich mir auch eine Kultur von einem Land und ich erschließe mir auch die Denke von Leuten.“

Schwarze Tür mit handgeschriebenem ‚Bonjour‘ und kleinen Herzzeichnungen in Kreide, daneben ein Zweig mit Kätzchen; im Hintergrund ein heller, gemütlicher Innenraum mit unscharfen Personen.
Symbolbild: Der Spracherwerb ist wichtig für die deutsch-französische Freundschaft.
Quelle: pixabay.com

Die Zahl der Französischlernenden auf deutscher Seite und der Deutschlernenden auf französischer Seite nimmt immer mehr ab. In beiden Ländern sind es nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes nur rund 15 Prozent. In den 1970ern lag der Prozentanteil in Frankreich bei 36 Prozent. In Deutschland ist die Zahl so niedrig, wie zuletzt vor 30 Jahren.

Dieter Schopf:

„Ich glaube, es gibt zwei Dinge. Heutzutage spricht ja so viel von der Generation Z. Die Generation Z ist sehr, sehr offen, sehr, sehr weltbezogen aufgestellt und da entdeckt man dann zum Beispiel Sprachen, mit denen man vermeintlich mehr anfangen kann als Französisch, so das Spanische.

Und, dass diese Sprachen, wie zum Beispiel Spanisch, Italienisch etwas weniger, auch sozusagen im Ruf stehen, leichter, einfacher zu sein als das Französische. Das Französische, da muss man sich einig sein drüber, erfordert erhöhten Lernaufwand. Und das ist heute nicht mehr angesagt, nicht mehr so wie noch vor fünf oder zehn Jahren.“

„Ich bin der lebende Beweis der deutsch-französischen Verbundenheit“

Verliert die Sprache des anderen immer mehr an Bedeutung, ist auch die Freundschaft in Gefahr. Dabei gibt es doch so viele Beispiele, dass deutsch-französische Freundschaft besonders und erhaltenswert ist. Eines davon ist Elisabeth Kreher selbst.

Elisabeth Kreher:

„Für mich ist deutsch-französische Freundschaft etwas Alltägliches. Also ich bin der lebende Beweis eigentlich von der deutsch-französischen Verbundenheit. Zuerst habe ich davon eigentlich im Geschichtsunterricht erfahren. Mit dem Élysée-Vertrag und dachte, das wäre was Abstraktes. Klar, Pompöses. Aber ich habe nie den Realitätsbezug gesehen. 

Bis mir dann klar wurde, dass eigentlich die Schüleraustausche, Städtepartnerschaften oder eben auch zweisprachige Schulen, wo man dann ein Abi-Bac machen kann, also einmal das französische Abitur und das deutsche Abitur, dass das die eigentlich lebenden Beweise sind von der deutsch-französischen Freundschaft.“


Die deutsch-französische Freundschaft ist kein Selbstläufer. Sie lebt vom Austausch, vom Zuhören – und von Institutionen wie dem OFAJ, die Begegnungen möglich machen. Vielleicht liegt genau darin ihre Stärke: Zu zeigen, dass aus Feinden Freunde werden können – wenn man sich begegnet. Salut et à bientôt!

  • Philipp Wohlfart

    „Mr. Sidequest“ aus Leidenschaft: Deutsche Meisterschaften im Rhönrad? Check. Interviews mit Koreanern, die kein Englisch sprechen? Challenge accepted. Im Herzen Rentner, der findet, dass Herbert Grönemeyer der größte deutsche Musiker aller Zeiten ist.

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