Für seine Überzeugungen sterben – Dietrich Bonhoeffer stellte sich gegen das Nazi-Regime und musste dafür sein Leben lassen. Der Widerstand war für ihn auch ein Dilemma: Wie lassen sich Gewalt und Christsein miteinander vereinbaren?
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen – und ganz gewiß an jedem neuen Tag.
Dietrich Bonhoeffer in seinem Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, 1944
Das Gedicht ist einer der letzten Texte, die Bonhoeffer vor seinem Tod verfasst. Am 9.April 1945 wird er auf Befehl Hitlers im Konzentrationslager umgebracht. Er stirbt als Widerständler, als Regimegegner. Schon früh sprach sich Bonhoeffer gegen die Verfolgung von Juden und gegen die Unterwerfung der Kirche unter dem Nazi-Staat aus. Später unterstützt er auch Attentatsversuche auf Hitler. Florian Hoehne ist Professor für Digitale Theologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Außerdem ist er Vorsitzender der deutschen Sektion der internationalen Bonhoeffer Gesellschaft (Webauftritt der Gesellschaft). Er weiß, welche Rolle Bonhoeffer im Widerstand spielte.
Er war nicht der Kopf dieses Kreises und er war auch nicht selbst aktiv an Attentatsplänen beteiligt oder gerade selbst ein Attentäter. Man kann ihn meines Erachtens als eine Art von Seelsorger dieses Kreises bezeichnen.
Florian Hoehne, Professor für Theologie an der FAU Erlangen-Nürnberg
Zwischen Widerstand und christlichem Gewissen
Seit Jahren beschäftigt sich Hoehne mit Bonhoeffers Leben und Wirken. Und auch mit dem großen Dilemma, vor dem sich Bonhoeffer wiederfindet. Wie lassen sich Lüge und Gewalt im Widerstand und christliche Werte unter einen Hut bringen?
Gerade in der Zeit, in der es um diesen konspirativen Widerstand ging, hat Bonhoeffer an einer Ethik gearbeitet, in der sich genau diese Fragen spiegeln. Und Bonhoeffer kommt zu dem Punkt, dass ich da, wo ich verantwortlich bin für andere Menschen und eben gerade für schwächere Menschen verantwortlich bin, in Situationen komme, in denen es kein klar erkanntes Gutes gibt, sondern ich mich sozusagen in Grauzonen bewege und irgendeine Regel, irgendein Gesetz immer verletzten werde.
Florian Hoehne, Professor für Theologie an der FAU Erlangen-Nürnberg
Ein ganz konkretes Beispiel kann hier ein Verhör über einen Freund sein. Man kann ihn verraten. Oder man lügt, um ihn zu retten. Beide Optionen sind mit Schuld verbunden, beide Wege sind nach christlicher Auffassung nicht richtig. Doch Bonhoeffer kommt zu dem Schluss, dass hier eine Notlüge das geringere Übel ist. Das Prinzip lässt sich auch auf den Tyrannenmord übertragen. Also die Befreiung von einem Diktator und damit das Ende von Unterdrückung. Doch das sei kein Freifahrtschein für Gewalt, betont Hoehne.
Auch da, wo Bonhoeffer über Gewalt als letztes Mittel nachdenkt, ist sozusagen mit dem Gedanken an Gewalt nicht Schluss, sondern ich muss mich immer fragen: Macht denn so eine eigentlich verbotene, schuldbeladene Gewalttat aus Not heraus, macht die es denn tatsächlich besser?
Florian Hoehne, Professor für Theologie an der FAU Erlangen-Nürnberg
Bonhoeffer und das Leitbild vom gerechten Frieden
Letztlich zählt also neben Verantwortung auch der vernünftige und langfristige Blick in die Zukunft. Und genau in dieser Botschaft liegt möglicherweise auch das wertvollste Vermächtnis Bonhoeffers. Denn Florian Hoehne ist sich sicher: Die Welt braucht gerade in unseren konfliktreichen Zeiten wieder mehr das Leitbild vom gerechten Frieden.
Das heißt, wir dürfen nicht die Scheuklappen aufsetzen sozusagen und uns nur auf die Frage konzentrieren: Ist in dieser kleinen Situation hier jetzt gerade Gewalteinsatz legitim oder nicht? Nein, wir müssen den Blick weiten und fragen: Was dient langfristig dem Frieden? Und zwar einem Frieden, der ganzheitlich verstanden ist. Frieden ist nicht nur Abwesenheit von Gewalt.
Florian Hoehne, Professor für Theologie an der FAU Erlangen-Nürnberg
Menschen sollen vor Gewalt geschützt werden, sollen mit allem zum Leben versorgt sein. Auch ihre kulturelle Identität sollen sie leben dürfen. Diese Theorie des gerechten Friedens ist in ihren Grundzügen von Bonhoeffers Theologie inspiriert. Ist er also ein Visionär, gar ein Held?
Ich sehe Bonhoeffer lieber als Mensch, der bewundernswerte Stärken gehabt hat, der aber auch Schwächen gehabt hat.
Florian Hoehne, Professor für Theologie an der FAU Erlangen-Nürnberg
Dietrich Bonhoeffer – ein Mensch, der im christlichen Glauben seine Stärke fand, für die Schwachen einzustehen. Sein Gottvertrauen formuliert er in seinem Gedicht so:
Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Dietrich Bonhoeffer in seinem Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, 1944
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