Dieser Beitrag wurde von Schülerinnen der FOS / BOS Triesdorf im Rahmen eines einjährigen Projekts zum Thema Medienkompetenz gemeinsam mit Redakteur:innen von Rabbit Radio recherchiert und produziert. Er ist Teil einer ganzen von Schüler:innen gestalteten Sendung
In diesem Beitrag geht es um das Thema sexuelle Gewalt. Es werden unter anderem persönliche Erfahrungen von Betroffenen sowie psychische Folgen thematisiert. Die Inhalte können belastend oder retraumatisierend wirken.
Sexuelle Gewalt ist oft unsichtbar – auch in Ansbach. In diesem Beitrag bricht die Betroffene Anna ihr jahrzehntelanges Schweigen. Gemeinsam mit einer Therapeutin beleuchten wir psychische Folgen, strukturelle Hürden und zeigen konkrete Hilfsangebote direkt vor deiner Haustür auf.
“Wie alt warst du damals?”
Anna, Betroffene:
„15 Jahre.“
Annas Geschichte: Mut zum ersten öffentlichen Gespräch
Das ist Anna. Aus Rücksicht auf die Betroffene haben wir den Namen geändert. Sie ist etwa Mitte sechzig, hat sich ein eigenes Leben aufgebaut und ist mittlerweile Großmutter. Heute spricht sie zum ersten Mal öffentlich über den sexuellen Übergriff, den sie in ihrer Jugend erlebte – um anderen Betroffenen Mut zu machen und um auf sexuelle Gewalt aufmerksam zu machen.
Im Rahmen unserer Auseinandersetzung mit dem Thema sexuelle Gewalt haben wir auch mit Liu Nestler gesprochen. Im Interview erklärt sie, mit welchen psychischen und emotionalen Folgen Betroffene oft zu kämpfen haben.
Liu Nestler:
„Also, ich bin Liu Nestler. Ich bin Heilpraktikerin für Psychotherapie und habe hier in Ansbach in der Welserstraße meine Praxis.“
Liu Nestler beschreibt, wie häufig sexueller Missbrauch tatsächlich vorkommt – oft mehr, als viele annehmen.
Liu Nestler:
„Jede fünfte bis sechste Frau, bei Männern sind es anteilig weniger. Insgesamt ist es jeder siebte bis achte Erwachsene, der in seiner Kindheit sexuellen Missbrauch erlebt hat. Also das ist tatsächlich fast Alltag.“
Die Last des Schweigens und das Versagen der Strukturen
Wie aber erleben Betroffene wie Anna diesen Alltag? Sich zu öffnen fällt vielen sehr schwer, doch gerade für die Aufarbeitung des Erlebten kann das entscheidend sein.
Anna:
„Ich war damals in einer Jugendgruppe, und da war ab und zu ein Jugenddiakon. Und dem habe ich mich anvertraut. Da kann ich drüber reden. Und der war entsetzt und hat gesagt, er kann mir da jetzt nicht helfen, ich müsste zum Dekan gehen.
Dann bin ich die nächsten Tage zum Dekan gegangen. Der hat sich das angehört und hat gesagt, ich müsste das meinen Eltern erzählen und zur Polizei gehen. Und dann hat er mich wieder weggeschickt.
Und ich konnte das aber meinen Eltern nicht erzählen und bin auch nicht zur Polizei gegangen, weil ich ja total eingeschüchtert war und ganz furchtbare, hässliche Angst hatte.“
So wie Anna geht es vielen Betroffenen sexualisierter Gewalt. Nur ein kleiner Teil bringt die Tat zur Anzeige. Laut der unabhängigen Beauftragten des Bundes für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs wurden in Deutschland im Jahr 2022 insgesamt 15.500 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch angezeigt.
Die meisten Fälle bleiben aber ohne rechtliche Konsequenzen – die Dunkelziffer von betroffenen Kindern und Jugendlichen wird aber auf ein Vielfaches geschätzt. Warum so viele schweigen, erklärt Liu Nestler.
Liu Nestler:
„Auch innerhalb der Familie können sich das andere Familienmitglieder oft gar nicht vorstellen, also, zum Beispiel: Der Ehepartner, für den ist das zum Beispiel unvorstellbar, dass der eigene Partner das Kind missbraucht.
Dem Kind ist auch klar, sozusagen, wenn es rauskommen würde, wäre die Belastung für die Familie sehr, sehr hoch. Und deswegen nehmen Kinder da oft Rücksicht und sagen nichts – holen sich da auch keine Hilfe, und nehmen lieber die Folgen und das ganze Leid auf sich, um zum Beispiel die eigene Familie zu schützen.
Es gibt viele nachvollziehbare Gründe, einen Übergriff für sich zu behalten. Also es geht natürlich um starke Gefühle, also Angst, Scham, Schuldgefühle, Selbstvorwürfe. Eine ganz typische Dynamik ist, dass die Betroffenen sich lieber selbst verantwortlich fühlen für das Geschehene. Weil ein großer Schmerz ist eben dieser Kontrollverlust, der da passiert.
Und in dem ich sozusagen die Schuld auf mich selber nehme und sage: ‚Ja, ich bin ja selber schuld, ich hätte dies oder das anders machen können.‘, ist es tatsächlich leichter auszuhalten, als Gefühle von Ohnmacht und Kontrollverlust.
Dass ich eben nicht schuld war, sondern der Täter, die Täterin Schuld ist, macht extrem starke Gefühle, die kaum auszuhalten sind.“
Viele Betroffene schweigen und vertrauen sich niemandem an. So bleiben sie oft ungesehen. Wie auch Anna:
„Damals zu der Zeit war man noch nicht so aufgeklärt wie heute. Und ich habe mich einfach nicht getraut, meinen Eltern zu erzählen. Ich habe mich so geschämt. Das ist was im Leben, wenn einem so was passiert, ist es furchtbar schwer.“
Was Eltern und enge Bezugspersonen oft nicht sehen: Die Betroffenen fühlen sich isoliert, missverstanden – und das Vertrauen in die eigene Umgebung ist zutiefst erschüttert.
„Kinder, die autoritär erzogen werden oder auch Kinder, denen beigebracht wird, dass Sexualität etwas Schlechtes ist oder was Sündhaftes ist – da ist den Tätern auch ganz klar, dass die eher nicht darüber sprechen würden, weil die Schamgefühle dann so groß sind.
Also die meisten Täter und Täterinnen sind Kindern und Jugendlichen bekannt und sogar sehr vertraut. Manche tun auch alles dafür, nicht aufzufallen, weil sie eben nicht möchten, dass es aufgedeckt wird und dass die Konsequenzen sehr stark sein könnten fürs Umfeld.“
Langzeitfolgen: Wenn die Vergangenheit zurückkehrt
Das Erlebte prägt Annas Leben nachhaltig. Bis heute arbeitet sie die Erfahrung auf.
„Ich habe das immer verdrängt. Ich war halt verängstigt. Aber ich hatte das Glück, dass ich in der Jugendgruppe war. Das hat man das dann überspielt. Ich hab Musik gemacht und dann vergisst man das.
Wenn das wieder aufflammt, wenn man zum Beispiel so Gefühl gegenüber Menschen hat, dann sträuben sich alle Haare. Oder wenn einem dann eine dominante Person begegnet. Dann kommt so was wieder hoch.
Oder wenn im Fernsehen – ich kann zum Beispiel kein ‚Akte XY ungelöst‘ anschauen oder keine Gewaltfilme – oder überhaupt Filme angucken, die mit der ganzen Sache zu tun haben.
Da bekomme ich eine Beklemmung. Ich habe zum Beispiel bis heut noch im Dunkeln bei Geräuschen Angst und bekomme Panik.“
Solche Flashbacks können Betroffene noch Jahre später verfolgen – oft ausgelöst durch scheinbar alltägliche Situationen.
Liu Nestler:
„Die Erinnerung kommt dann in Form von Flashbacks oder Menschen werden getriggert und auf die Art drängt dann das Unbewusste nach oben.
Aber es kann teilweise erst Jahre später nach den eigentlichen Ereignissen passieren, also teilweise 30, 40 Jahre nach den Ereignissen kommen auf einmal auslösende Reize – und die Person fängt an, sich an sexuellen Missbrauch zu erinnern.“
Wenn der erste sexuelle Kontakt gewaltsam erfolgt, führt das oft zu einer verfälschten Sicht auf gesunde Partnerschaften im späteren Leben.
Anna:
„Für mich war es so, dass das mein erster sexueller Kontakt war. Man fühlt sich… Ja. Man fühlt sich tot.“
Die Verbindung zum eigenen Körper und zum Erleben von Nähe kann sich dadurch grundlegend verändern.
Liu Nestler:
„Die Verbundenheit zu sich selbst, zu Freunden, zur Familie, aber auch die Verbundenheit zur Natur, zum eigenen Körper, zur eigenen Geschichte. Das alles fühlt sich nicht mehr echt an.
Die ganze Welt erscheint unsicher und das Vertrauen in die Mitmenschen ist erschüttert. Und auf lange Sicht eben sind Menschen vielleicht nicht fähig, in enge Verbindungen einzugehen, Geborgenheit zu empfinden und eben zu erleben, dass man sich gemeinsam entwickelt.“
Wege zur Heilung und lokale Unterstützung in Ansbach
Anna ist eine mittlerweile positiv denkende Frau. Mit diesem Radiobeitrag möchte sie anderen Betroffenen Mut machen. Ihr ist es wichtig, den Zuhörern mitzugeben, dass es entscheidend ist, sich psychologische Unterstützung zu suchen:
Anna:
„Heutzutage kann man wirklich wo hingehen und sich aussprechen. Und das bleibt unter einem. Ich möchte weitergeben, dass man wirklich sich psychologische Hilfe sucht, weil man das alleine fast nicht bewältigen kann.“
Wenn ihr von sexueller Gewalt betroffen seid, gibt es Unterstützung. In Ansbach ist eine vertrauliche Spurensicherung möglich, auch ohne Anzeige. Informationen erhaltet ihr z. B. bei Rauhreif Ansbach oder anonym beim Hilfetelefon unter 08000 116 016.
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