Ein Job hinter Gittern – für viele unvorstellbar, für Justizvollzugsbeamte Routine. Doch wie schafft man den Spagat zwischen strikten Regeln und menschlichem Umgang? Ein erfahrener Beamter, der namentlich nicht genannt werden möchte, gibt Einblicke in einen Berufsalltag, der Standhaftigkeit und eine hohe psychische Belastbarkeit erfordert.
Dieser Beitrag wurde von Schülerinnen der FOS / BOS Triesdorf im Rahmen eines einjährigen Projekts zum Thema Medienkompetenz gemeinsam mit Redakteur:innen von Rabbit Radio recherchiert und produziert. Er ist Teil einer ganzen von Schüler:innen gestalteten Sendung.
Wie bist du dazu gekommen, Justizvollzugsbeamter zu werden?
Justizvollzugsbeamter
Durch einen Zufall. Ich habe mich beworben auf dem Gericht als Gerichtswachmeister. Dort habe ich die Stelle nicht bekommen, aber der Verweis, dass noch Stellen frei sind im allgemeinen Vollzugsdienst. Dann habe ich mich beworben und meine Vollzugskarriere begonnen.
Viele stellen sich den Justizvollzug eintönig vor, doch jeder Tag bringt neue Herausforderungen. Ob Kontrolle, Begleitungen oder Nachtdienst. Wie läuft ein typischer Tag wirklich ab?
Justizvollzugsbeamter
Wir haben Schichtdienst und bei der Frühschicht muss man die Gefangenen wecken und eine Lebendkontrolle durchführen und dann den Tag über begleiten, zum Arzt, zum Besuch, zum Rechtsanwalt, Mittagskost ausgeben. Bei der Spätschicht ist es Briefkontrolle, Brief ausgeben, Abendessen ausgeben, Einschluss. Und Nachtschicht ist, wenn irgendwelche Tabletten auszugeben sind, beziehungsweise die Kontrolle, dass die Anstalt alles kommt, passt.
In einem Gefängnis gibt es viele Herausforderungen – Streitigkeiten unter Insassen, plötzliche Eskalationen oder einfach der Druck, immer aufmerksam sein zu müssen. Es ist ein Beruf, in dem man belastbar sein muss. Wie verarbeitet man die stressigen Momente?
Justizvollzugsbeamter
Das ist eine schwierige Frage. Das muss jeder für sich entscheiden. Und ich gehe am einfachsten damit um, wenn ich mir nach der Stresssituation einfach alleine bin und darüber nachdenke.
Ein Gefängnis ist kein Ort, an dem man einfach nur Regeln durchsetzt – es geht auch darum, mit Menschen zu arbeiten, die oft eine schwierige Vergangenheit haben. Vertrauen kann helfen, Konflikte zu vermeiden. Aber zu viel Nähe kann gefährlich sein. Wie schafft man das?
Justizvollzugsbeamter
Ich denke, dem normalen menschlichen Umgang zuhören und den Menschen so sehen, wie er als Mensch ist, mit den ganz normalen Werten, ist der beste Start und die beste Basis, auf der man Vertrauen aufbaut und auch Respekt hat für den Gefangenen.
Wo Menschen auf engem Raum zusammenleben, gibt es zwangsläufig Spannungen. Im Gefängnis können diese aber schnell eskalieren. Wenn sich Insassen streiten oder es sogar handgreiflich wird – wie reagiert man als Justizvollzugsbeamter?
Justizvollzugsbeamter
Ja, ich muss dazwischen gehen. Ich höre mir die Sachlage von beiden Parteien an und muss dann entscheiden, ob man den Gefangenen auseinanderlegt, verlegt und versucht, es zu schlichten, zu mitteln.
Nicht nur das Eingreifen ist wichtig – oft kann man Streit auch schon im Voraus verhindern. Man lernt mit der Zeit, Spannungen frühzeitig zu erkennen. Wie genau funktioniert das in einem so herausfordernden Umfeld?
Justizvollzugsbeamter
Ja, das ist dasselbe Prinzip in etwa, dass man sagt, bevor irgendwas passiert, kann man den Gefangenen in einer Stockwerke, in einen Haftraum legen und eine Gespräche suchen, warum die Gefangenen so aufeinander losgehen.
Jeden Tag im Gefängnis zu arbeiten, bedeutet auch, mit Gewalt, Aggression oder persönlichen Schicksalen konfrontiert zu werden. Was belastet mehr – die körperliche Anstrengung oder die psychische Belastung?
Justizvollzugsbeamter
Körperlich habe ich noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Psychologisch ist, dass man im Nachhinein darüber nachdenkt, vielleicht einen Austausch mit anderen Kollegen sucht und eventuell einen Psychologen, wenn nötig, aufsucht.
Im Laufe der Jahre erlebt man in einem Gefängnis einiges. Manche Begegnungen bleiben besonders im Kopf – sei es wegen der Taten der Insassen oder wegen der Gespräche, die man mit ihnen führt. Gibt es Erlebnisse, die besonders nachwirken?
Justizvollzugsbeamter
Also ich hatte einen Gefangenen, der hat sich die Pulsadern aufgeschnitten und hat den Blutdruck und gespritzt gezielt eingesetzt, um uns mit seinem Blut zu bespritzen. Wir hatten dann den Gefangenen überwältigt, der wurde ins Krankenhaus gebracht und wurde dort genäht und überlebte sein Tun.
Der Justizvollzugsdienst ist nicht für jeden geeignet. Er bietet Sicherheit, aber er bringt auch Herausforderungen mit sich. Ist es also ein Beruf, den Sie weiterempfehlen können?
Justizvollzugsbeamter
Also den Beruf kann ich mit ruhigem Gewissen weiterempfehlen. Ich empfehle aber den Beruf nicht als Ausbildungsberuf dahingehend, dass man mit jungen Jahren anfängt, sondern dass man im Leben steht und eine Ausbildung schon gemacht hat und eine gewisse Lebenserfahrung hat, da der Umgang mit den Gefangenen schon sehr viel von einem abverlangt.
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