Kaspar Hauser: Zwischen Mythos und True Crime in Ansbach

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Ein Findling mitten in Nürnberg, ein Attentat in Ansbach, geheime Briefe und Lügen über royale Herkunft. Was verbirgt sich hinter dem Cold Case Kaspar Hauser?

Im Ansbacher Hofgarten steht seine Statue, Restaurants sind nach ihm benannt – und doch ist Kaspar Hauser, das ‚Kind Europas‘, bis heute ein Mythos. Er ist der wohl bekannteste und mysteriöseste Cold Case der Geschichte, dessen tragischer Höhepunkt sich genau hier in der Hochschulstadt Ansbach abspielte.

Ein Bild der Gaststätte "Kaspar Hauser" von vorne. Über der Tür findet man Malereien von ihm und Ansbach, wie es früher aussah.
Die Gaststätte Kaspar Hauser in Ansbach.
Foto: Nina-Sophie Spatz

Eine Reise in die Vergangenheit

Es ist der 26. Mai 1828 als ein etwa 16-jähriger Jugendlicher in Nürnberg auftaucht. Sein Gang ist unsicher und seine Klamotten abgetragen – bis auf ein edles Seidentuch um seinen Hals. Was er über sich sagen kann, beschränkt sich auf einen Satz: „Ich möchte so ein Reiter wie mein Vater werden.“ Bei sich trägt er einen Brief, adressiert an den Rittmeister von Wessenig. Dieser scheint ihn aber nicht zu kennen. Seine erste Unterkunft in Nürnberg ist deshalb wenig einladend: Er wird im Gefängnisturm „Luginsland“ auf der Burg untergebracht.

Zwei Bronzestatuen von Kaspar Hauser die als Denkmal in der Platenstraße dienen. Eine von ihnen soll Kaspar Hauser zu der Zeit darstellen, in der man ihn fand: gekrümmt und verwahrlost. Die andere zeigt ihn aufrecht stehend und gut gekleidet.
Eines der Denkmale an Kaspar Hauser in der Platenstraße in Ansbach. Die vordere Gestalt soll Kaspar darstellen, als er das erste Mal in Nürnberg auftauchte. Die hintere Gestalt soll Kaspar kurz vor seinem Tod sein.
Foto: Nina-Sophie Spatz

Die Nachricht über den mysteriösen Jungen verbreitete sich schnell und sogar bis nach New York. Die Menschen gaben ihm viele Namen: „Das Kind Europas“, „Wolfsjunge“, „Der rätselhafte Findling“. Sie beschreiben ihn als „halb wilden Menschen“ und „einziges Geschöpf seiner Gattung“. Doch als einer der Wärter dem jungen Mann ein Stück Papier reicht, schreibt dieser unerwartet einen Namen darauf: Kaspar Hauser.

„Sein ganzes Wesen und Benehmen zeigte an ihm ein kaum zwei- bis dreijähriges Kind in einem Jünglingskörper.“

Buch „Kaspar Hauser: Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen“ von Anselm Ritter von Feuerbach

Gefälschte Briefe und der Verdacht auf Adel

Der Brief, den Kaspar bei sich trägt, scheint zunächst einige der offenen Fragen zu klären. Kaspars Mutter konnte ihn nicht ernähren und sein Vater sei bereits tot. Deshalb legte sie ihn auf die Türschwelle eines Tagelöhners, mit der Bitte Kaspar mit 16 zu einem Reiterregiment nach Nürnberg zu bringen. Sollte der Rittmeister ihn nicht behalten wollen, muss er ihn umbringen. So erzählt es der Brief, den der Tagelöhner verfasst hat. Kaspar trug außerdem noch ein Schreiben seiner Mutter bei sich, dass die Aussagen des Briefs unterstützen soll.

Als ein Arzt ihn untersucht, stellt er fest: „Dieser Mensch ist weder verrückt noch blödsinnig, aber offenbar auf die heilloseste Weise von aller menschlichen und gesellschaftlichen Bildung gewaltsam entfernt worden.“ Kaspar beerichtet im Laufe seines Lebens davon, sich an einen Kerker zu erinnern.

Das „Kaspar-Hauser-Syndrom“ beschreibt eine besonders schwere Form von Hospitalismus. Damit werden die Folgen von langfristigem Entzug menschlicher Nähe und der Isolation vor äußeren Reizen im Kindheitsalter bezeichnet.

Zweifel an der offiziellen Version

Aus den Indizien leitet sich eine Theorie ab: Seine Mutter hat Kaspar als Säugling an den Tagelöhner abgegeben und dieser hat Kaspar abgeschnitten von der Zivilisation aufgezogen, bis er Kaspar, wie von der Mutter gewünscht, zum Rittmeister geschickt hat.

Doch bei genauerer Betrachtung fällt auf: Der Zettel der Mutter und der Brief des Tagelöhners wurden von ein und derselben Person geschrieben, die Tinte und das Papier sind nicht 16 Jahre alt und das Reiterregiment war 1812, bei Kaspars Geburt, noch gar nicht in Nürnberg stationiert. Jemand möchte also der Welt dieses Lügenkonstrukt glaubhaft machen. Doch wer? Und warum? Wer ist Kaspar Hauser wirklich?

Bald spricht sich eine Theorie herum: Kaspar Hauser ist der angeblich verstorbene Sohn des Großherzogs von Baden und somit ein Erbprinz. Das würde dem Tagelöhner wiederum ein Motiv dafür geben, Kaspar versteckt zu halten. In den letzten Jahrzehnten wurde die DNA von Kaspar Hauser mehrfach mit der der badischen Abstammungsline verglichen und analysiert. Allerdings mit widersprüchlichen Ergebnissen und Zweifeln an der Authentizität der Proben.

Erst 2024 kommt das Instituts für Gerichtliche Medizin Innsbruck mithilfe neuer hochsensitiven DNA-Analysen zu einem eindeutigen Ergebnis: „Kaspar Hauser war zu 99,9994 Prozent kein Prinz“. Die Frage nach seiner Herkunft bleibt also offen.

Kaspar Hausers Todesursache: Attentat oder Selbstmord?

Kaspar wird schließlich in die Obhut von Lehrer Georg Friedrich Daumer gegeben. Dort entwickelt er sich ungewöhnlich schnell. Er lernt Lesen, Schreiben, Klavierspielen, Schachspielen und Malen. So schnell, dass Zweifel aufkommen, ob er diese Dinge tatsächlich vorher noch nie gemacht hat.

Nur ein Jahr nach seinem Auftauchen beginnt er, eine Autobiografie zu schreiben. Kurz darauf wird das erste Attentat auf ihn verübt. Ein Mann schlägt mit einem Beil auf ihn ein und trifft ihn an der Stirn. Kaspar erzählt, seinen „Gefängniswärter“ von damals erkannt zu haben.

In den folgenden Jahren zieht Kaspar aufgrund von Morddrohungen, aber auch auf der Suche nach seiner Identität mehrfach um, und knüpft Kontakte zur oberen Gesellschaftsschicht. Schon in dieser Zeit spalten sich die Meinungen über ihn: für die einen ist er das Opfer einer politischen Verschwörung, für die anderen ein geschickter Betrüger. 1831 zieht er nach Ansbach, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbringen wird.

Der verhängnisvolle Dolchstoß im Hofgarten Ansbach

Zwei Jahre später wird er in den Hofgarten gelockt, unter dem Vorwand, dort Informationen über seine Herkunft zu bekommen. Ein Unbekannter überreicht ihm einen Beutel und nutzt die Ablenkung, um Kaspar einen Dolchstoß zu versetzen. Dieser soll von Herzbeutel, Lunge, Zwerchfell bis in die Leber gereicht haben. Dennoch schafft es Kaspar, sich zu seinem Vormund, dem Lehrer Meyer, zu retten. Gemeinsam kehren sie zur Stelle des Attentats zurück und finden dort den Beutel.

Darin befindet sich ein Zettel: „Hauser wird es euch ganz genau erzählen können, wie ich aussehe und wo her ich bin. Dem Hauser die Mühe zu ersparen, will ich es euch selber sagen, woher ich komme…“ Sie ähneln den Briefen, die Kaspar bei seinem Auftauchen bei sich hatte und wird als Selbstmordbekundung interpretiert.

Der Lehrer unterstellt Kaspar zu Lügen und hält an der Selbstmordtheorie fest, denn es scheint jede Spur der Attentäter zu fehlen. Zudem wurde die Nachricht in Spiegelschrift geschrieben, die Kaspar ebenfalls lernte. Graphologen stellen später fest: Kaspar hat die Nachricht nicht selbst geschrieben. Dennoch hält sich das Gerücht bis heute hartnäckig.

Trotz seiner Verletzungen wird Kaspar stundenlang verhört, ohne Erfolg. Die Täter können nicht gefasst werden. Drei Tage später stirbt er an seinen Verletzungen. Als er gefragt wird, ob er noch etwas zu verzeihen hat, antwortet er: „Warum denn, es hat mir doch niemand etwas getan!“ Lehrer Meyer sieht darin ein Eingeständnis seiner Schuld, andere die verklärten Worte eines Sterbenden.

Die Skulptur "Kaspars Baum" in Ansbach. Eine sitzende, einen Baum umarmende Skulptur zwischen seinem ehemaligen Wohnhaus und früheren Arbeitsplatz.
Zwischen Kaspars ehemaligen Wohnhaus und dem früheren Appellationsgericht, bei dem er als Schreiber tätig war, findet man in Ansbach die sitzende Kaspar-Hauser-Figur: einen Baum umarmend und mit Wörtern überzogen, die einen Bezug zum menschlichen Körper haben.
Foto: Nina-Sophie Spatz
 

Der Mythos Kaspar Hauser

Kaspar Hausers Todesursache war also ein Dolchstoß, dessen Täter und Motiv bis heute im Dunkeln liegen. Die Rätsel um seinen Tod und die ungeklärte Herkunft bieten bis heute den idealen Nährboden für Gerüchte und Spekulationen. Daraus bildeten sich zwei zentrale Theorien heraus, die sein Bild bis heute prägen.

Einerseits wurde Kaspar Hauser als Opfer einer politischen Intrige gesehen. Die sogenannte Erbprinzentheorie geht davon aus, dass er der rechtmäßige Sohn des badischen Großherzogs gewesen sein könnte und aus dynastischen Gründen beseitigt werden sollte.

Andererseits zweifelten schon Zeitgenossen an seiner Glaubwürdigkeit. Widersprüche in seinen Aussagen, die fragliche Echtheit der Briefe sowie die Umstände der Attentate führten zu der Annahme, Hauser habe seine Geschichte zumindest teilweise selbst konstruiert.

Eine eindeutige Klärung dieser Gegensätze gelang weder damals noch später und machen Kaspar Hauser zu einer Figur zwischen historischem Fall und dauerhaftem Mythos. Unabhängig von der Wahrheit bleibt seine Geschichte vor allem eine tragische: Als Findling Europas wird er zum Symbol einer ganzen Nation und schließlich zum Opfer jener Gesellschaft, die ihn zwar als Teil ihrer selbst sah, zugleich aber zu fürchten schien, was seine wahre Herkunft über sie offenbaren könnte.

Dass der Mythos Kaspar Hauser auch heute noch lebt, zeigt ein Vorfall auf dem Ansbacher Stadtfriedhof. Im September wurde dort die Informationstafel gestohlen, die direkt neben Kaspar Hausers Grab angebracht war. Bei einer Pressekonferenz zur Anbringung einer neuen Tafel äußerten sich Oberbürgermeister Thomas Deffner und Mitglieder der Friedhofsgruppe Ansbach zu möglichen Hintergründen. Inzwischen wird der Diebstahl mit einem Augenzwinkern gesehen: Möglicherweise habe ein besonders begeisterter Kaspar-Hauser-Fan die Tafel als Andenken mitgenommen.

Der Leiter des Markgrafenmuseums und Stadtarchivar Wolfgang Reddig sieht in dem Diebstahl der Gedenktafel ein Zeichen dafür, wie lebendig der Mythos Kaspar Hauser noch immer ist. Von den rund 20 bis 30 Gedenktafeln auf dem Ansbacher Stadtfriedhof sei ausgerechnet Hausers Tafel die einzige, die verschwunden sei – ein Vorfall, der inzwischen sogar polizeilich verfolgt werde. Besonders spannend sei für ihn, dass sich Menschen offenbar so stark mit dem Thema auseinandersetzten, dass bereits die Formulierungen auf der Tafel, etwa zu DNA-Untersuchungen, als Angriff auf den Mythos empfunden würden. Unabhängig davon, wie die Forschungslage sei, zeige der Vorfall, dass Kaspar Hauser weiterhin emotionalisiere. Der Mythos lebe fort, so Reddig – und zwar unabhängig davon, was moderne Analysen nahelegten.

Ganz geklärt ist der Fall Kaspar Hauser allerdings selbst heute, fast 200 Jahre später nicht.

Die Autorinnen:

  • Nina Sophie Spatz

    Hi, ich bin Nina.🌞
    Ich studiere angewandte Wirtschafts- und Medienpsychologie und schreibe & veröffentliche in meiner Freizeit Fantasy-Romane & Kurzgeschichten unter dem Pseudonym Nina S. Moineau. Meine Interessen reichen von Musicals, Anime und K-Pop bis hin zu True Crime, Medizin und Psychologie – eine Mischung, die meine kreative Arbeit genauso prägt wie meine wissenschaftliche Neugier.

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  • Alicia Queck

    Hi! Ich bin Alicia und interessiere mich für verschiedenste Dinge, die eventuell als nerdy gelten würden 🙂

    Von Geschichte zu Gaming bis hin zu Psychologie – ich beleuchte gerne die unterschiedlichsten Hintergründe! Ob ich gerade die Quarterlife Crisis analysiere oder in die Ansbacher Kneipenszene eintauche, wie beim Interview mit dem Café Prinzregent: Hauptsache, es gibt was zu entdecken!

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