Unfreiwilliges Gedächtnis – Die Stasi und ihr Ende

Lesezeit:

3–5 Minuten

Kilometerweise Akten, Tausende Fotos: Die Stasi hat die Bürger der DDR jahrzehntelang akribisch überwacht. Aber was passierte mit diesen Informationen nach dem Mauerfall?


Die Stasizentrale, wie eine Festung thront die Zentrale der Staatssicherheit (Webseite des Stasimuseums in der ehemaligen Stasizentrale), im Ost-Berliner Stadtteil Lichtenberg. Braun-graue Plattenbauten schirmen das Areal an der Normannenstraße von der Außenwelt ab. Hier kommt nur rein, wer das auch darf. Nichts dringt nach außen. Über viele Jahre hinweg ist die Stasi für die Bürgerinnen und Bürger der DDR eine „Blackbox“. Selbst Stasi-Mitarbeiter kennen viele Geheimnisse nicht.

Über Jahrzehnte hinweg hat das Ministerium für Staatssicherheit die DDR-Bevölkerung überwacht. Telefonate wurden abgehört, private Briefe gelesen. Politisch andersdenkende wurden inhaftiert, verhört und psychologisch gefoltert.


Wir müssen uns so effektiv abstimmen, dass es keinen Bereich gibt, über die wir nicht rechtzeitig informiert sind. Überall brauchen wir Patrioten und Vertraute, freiwillige Helfer und Kontaktpersonen die uns in unserem Kampf unterstützen. Es darf keine Stelle geben, wo nicht wenigstens eines unserer Organe präsent ist.

Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit von 1957 bis 1989 (O-Ton aus einer ARD-Doku auf Youtube)

Das skandiert Minister Erich Mielke bei einer internen Besprechung der Stasi. Bei Mielke laufen alle Fäden zusammen. Er beherrscht einen Apparat aus rund 91 Tausend festen Mitarbeitern. Dazu kommen schätzungsweise über 110 Tausend sogenannte inoffizielle Mitarbeiter – also geheime Spitzel in der Bevölkerung. Fast nichts bleibt bei der Stasi unbemerkt.

Im Volksmund nennt man den Geheimdienst deswegen auch „Horch und Guck“ – denn in den Archiven schlummern unzählige Akten, Fotos und Protokolle. Doch wie die ganze DDR fängt auch die Stasi 1989 an, zu bröckeln. Die Akten bleiben aber immer noch hinter verschlossenen Türen.

Das Volk stürmt die Stasi-Zentrale am 15. Januar 1990

Das Volk der DDR weiß aber mittlerweile, dass geschlossene Tore keine Hindernisse mehr sind. Erst wenige Wochen zuvor fiel die Berliner Mauer. Anfang Dezember stürmen DDR-Bürger die Gebäude der Stasi in Erfurt, Leipzig und Suhl sowie Rostock. Das perfekte System der Abschottung hat mittlerweile mehr als nur ein paar Risse.

Bürger der DDR marschieren mit einem Transparent in die Zentrale der Stasi in Berlin.
Stürmung der Stasi-Zentrale: Auf einer Demonstration vor dem Gebäude der ehemaligen Stasi in Berlin forderten Tausende die vollständige Auflösung des Amtes.
Bundesarchiv, Bild 183-1990-0116-013 / CC-BY-SA 3.0

Doch nun geht das Volk aufs Ganze: Am 15. Januar 1990 – also vor genau 36 Jahren – haben sich tausende Menschen vor der Stasi-Zentrale in Berlin versammelt. Sie wollen die abgeschottete Festung stürmen. Mit dabei sind auch Bürgerrechtler. Sie können die Polizei davon überzeugen, nicht einzugreifen. Kurz nach 17 Uhr öffnet sich das Tor, die über 10 Tausend Demonstranten strömen auf das Gelände. Stasi-Beamte sind zu diesem Zeitpunkt kaum noch vor Ort.

Was entdeckten die Demonstranten im Inneren der Stasi-Zentrale?

Der Pulk an Menschen zieht durch die Gebäude, Scheiben zerbrechen, Möbel werden aus den Fenstern geschleudert. Im Treppenhaus fliegen hunderte Papiere und Dokumente wie Schneeflocken hinunter. Und wieder bleibt alles friedlich – die ganze Zeit fällt kein Schuss. Umstritten ist jedoch, ob es sich nicht doch um eine letzte Inszenierung der Stasi gehandelt hat. Laut dem Spiegel waren nur die unwichtigen Nebengebäude hell beleuchtet.

Die Demonstranten entdecken Läden und Friseursalons für Mitarbeiter, von Archiven fehlt jede Spur. Aber auch die waren zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich leer. Denn schon seit dem Mauerfall haben Mitarbeiter der Stasi Tag und Nacht Akten geschreddert. Der spätere Journalist Thomas Heise war damals dabei. In einer Spiegelreportage verbucht er den Abend dennoch als Gewinn.

Die Erstürmung war natürlich auch für sozusagen die DDR-Bürger ein Erfolg, weil diese Krake Stasi, dieser Geheimdienst, weil der an dem Tag aufhörte zu existieren. Plötzlich waren da junge Leute drinnen, junge Männer, junge Frauen, die zu den Stasi-Leuten gesagt haben: bis hierher und nicht weiter.“

Zeitzeuge Thomas Heise in der Spiegel-Reportage „Sturm auf die Stasizentrale: Das Ende des Spitzelimperiums (Youtube)“ aus dem Jahr 2017


Aber auch einige der unzähligen Akten konnten gerettet werden – und damit beginnt ein ganz neues Kapitel in der Geschichte. Das Volk erfährt endlich, wie es jahrelang überwacht wurde.

Was geschieht mit den Stasi-Akten nach dem Ende der DDR?


Um das auch jedem zu ermöglichen, wird das Bundesamt für Stasiunterlagen (Webseite des Bundesamtes für Stasiunterlagen) gegründet. Wer will, kann hier Einsicht in seine persönlichen Akten nehmen. Immerhin sind es rund 111 Kilometer an Dokumenten, Fotos, Filmen und Audioaufnahmen. Für die einen eine spannende Sache, für die anderen eine große Angst. Denn sie fürchteten sich davor, zu erfahren, wer von ihren Freunden und Verwandten sie überwacht hat. Neben Schrift, Bild und Ton gibt es aber auch noch etwas Kurioses, das die Stasi gesammelt hat: Geruchsproben. Ein Filmteam vom Spiegel entdeckt sie 1990.

In Hunderten von Gläsern wurden die Körpergerüche von Regimegegnern konserviert und archiviert. Von fast jedem, der den Sicherheitsbehörden irgendwie aufgefallen war, wurden Proben genommen.“

Spiegelreportage zu Sturm auf die Stasi-Zentrale (Reportage auf Youtube)


Bei Verhören mussten sich die Gefangenen auf Tücher setzen. Diese wurden dann luftdicht in die Gläser gepackt und in einem Gebäude in Leipzig verwahrt. Ziel war es, jede Person mit Spürhunden ausfindig machen zu können. So war sie die Stasi – ein skrupelloser Geheimdienst. Er überwachte die eigene Bevölkerung – oft sogar mit Freunden und Familien, sammelte Erinnerungen aus ganzen Jahrzehnten. Und das oft ohne, dass die Bespitzelten es bemerkten.