Viktoria wollte studieren und sich verlieben – dann kam der 24. Februar 2022. In diesem Protokoll berichtet sie direkt aus der Ukraine über den Moment des Angriffs, die Flucht ihrer Eltern und die Gewöhnung an eine neue Normalität im Krieg.
Viktorias Zitate wurden für die Textfassung von der Redaktion aus dem Englischen übersetzt.
Der Morgen des Angriffs
Russland hat eine Großoffensive gegen die Ukraine gestartet. Seit der folgen Nacht rücken Truppen auf mehrere Landesteile vor.
Tagesschau vom 24. Februar 2022
Viktoria, Studentin aus Lwiw:
„Es war etwas Seltsames mit mir. Ich erinnere mich, dass ich lange Zeit nicht ins Bett gegangen bin. Ich hatte einige beängstigende und wirklich seltsame Träume und danach wachte ich gegen sieben Uhr morgens durch den Anruf des Freundes meiner Mitbewohnerin auf. Er sagte mir, dass sie ihn sofort zurückrufen müsse.
Ich war mir nicht sicher, was passierte, und dann checkte ich meinen Messenger und sah eine Nachricht von einem Freund. Er schrieb mir um 5 Uhr morgens: ‚Sie haben einen Krieg begonnen‘.“
„Die Menschen im ganzen Land versuchen sich in Sicherheit zu bringen, in den Schächten der Metro. Wer irgendwie kann, flieht.
Heute Journal
Am zweiten Tag des Krieges gegen die Ukraine rücken russische Truppen auf Kyjiw vor. Der russische Präsident Putin rief die ukrainische Armee auf, die Regierung zu stürzen.“
Tagesschau
Das Ende der Normalität
Viktoria:
„Mein Name ist Viktoria, ich bin 21 Jahre alt und lebe derzeit in Lwiw. Es war seltsam, weil es nie erwartet wurde – du bist 21 Jahre alt und dann verstehst du, dass dein Leben an einem gewissen Punkt am Ende der normalen Zeit angelangt ist.“
Am 24. Februar beginnt Putin den Angriffskrieg gegen die Ukraine. Russische Truppen marschieren aus mehreren Richtungen in die Ukraine ein. Sie greifen diverse Ziele an.
Schon seit 2014 kämpfen ukrainische Soldaten im Nordosten des Landes gegen die von Russland ausgerüsteten „Separatisten“. Forderungen von Putin an die Ukraine gibt es immer wieder neue. Und angebliche Ziele des Krieges:
- Die Anerkennung der Krim als russisches Territorium.
- Die Anerkennung der beiden „Volksrepubliken” Donezk und Luhansk im Donbass.
- Die „Entnazifizierung“ und „Entmilitarisierung“ der Ukraine.
- Ende eines angeblichen Genozids an Russen in der Ukraine.
Viktoria:
„Von Dezember bis Februar hatte ich wirklich diese Angst, dass etwas passieren würde. Als ich vor Neujahr und Weihnachten meine Universität verließ, verstand ich, dass ich wirklich nach Hause gehen wollte, weil ich fühlte, dass es jetzt wirklich wichtig für mich ist.
Als ich Anfang Februar von zu Hause wegfuhr, schaute ich mir mein Zimmer an und dachte, vielleicht werde ich nie wieder hierher zurückkehren.
Ich war einfach nur schockiert, mein Zuhause ist jetzt 1.000 Kilometer von mir entfernt, ich hatte keinen Ort, an den ich gehen konnte. Ich hatte Angst, dass ich meine Eltern nicht wiedersehen kann.“
Flucht und Alltag im Krieg
Seit vier Jahren wohnt Viktoria in Lwiw. Hier studiert sie und hat ihre Freunde. Ihre Eltern wohnen im Osten des Landes, in Saporischschja. Als der Krieg ausbricht, bleiben sie in ihrer Heimat. Erst als russische Truppen das 100 Kilometer entfernte Atomkraftwerk stürmen, fliehen sie.
Viktoria:
„Für mich war es der schwierigste Teil, die Menschen hier zu sehen, sie kommunizieren, sie können ihre Familie umarmen und ich weiß wirklich nicht, wann ich meine Familie wiedersehen werde. Aber dann sind meine Eltern weggegangen. Jetzt sind sie bei mir in Lwiw.“
„Heute ist ein furchtbarer Tag für die Ukraine. Und ein düsterer Tag für Europa.“
Olaf Scholz, 24. Februar 2022 über den Beginn des russischen Angriffskrieges
Viktoria:
„Du realisierst, dass dein Leben nicht mehr so sein wird wie vorher, und du musst einfach anfangen, dich daran zu gewöhnen. Schlafen, essen und die Nachrichten checken. Schlafen, essen und die Nachrichten checken.
Ich möchte einfach nur mein Studium beenden, ich möchte neue Leute kennenlernen, ich möchte mich verlieben, aber ich kann es im Moment nicht tun, weil ich im Krieg lebe.“
Verantwortung und Ohnmacht
Viktoria:
„Die Studenten an unserer Universität haben eine Freiwilligenorganisation initiiert. Das hat mir wirklich geholfen. Das Gefühl, dass man nichts tun kann, frisst einen von innen auf.“
„Russlands Präsident Putin hat die Entscheidung getroffen, die Ukraine militärisch anzugreifen. Er allein, nicht das russische Volk, hat sich für diesen Krieg entschieden. Er allein trägt dafür die volle Verantwortung – dieser Krieg ist Putins Krieg.“
Olaf Scholz
Viktoria:
„Ich habe Familie in Russland. Ich schätze die Dinge nicht, die sie tun, wenn sie nichts sagen.
Für mich ist es seltsam, es ist seltsam, wenn man weiß, dass Menschen sterben und trotzdem denken sie alle nur an sich selbst.
Ich meine, ich würde fragen, wie es ihnen geht, aber ich habe keine Frage bekommen, wie es mir geht. Ich denke jetzt nicht darüber nach, es spielt für mich keine Rolle.“
In westlichen Ländern wird die russische Invasion als „Putins Krieg“ bezeichnet, obwohl eine große Mehrheit der russischen Bevölkerung den Angriffskrieg befürwortet. Laut einer viel zitierten Umfrage des russischen Lewada-Zentrums befürworten 81 Prozent der 1.609 Befragten das Vorgehen der russischen Streitkräfte in der Ukraine. Meinungsumfragen zur Ukraine sind in Russland schwierig. Vor allem denjenigen, die sich gegen den Krieg aussprechen, drohen Strafen.
Viktoria:
„Die meiste Zeit ist man wegen der Sirenen allein. Ich meine, mittlerweile bin ich an die Geräusche gewöhnt. Du weißt, was du tun musst, du musst dich im Untergrund verstecken. Das ist jetzt die tägliche Routine für dich, du weißt, was zu tun ist, wenn du das Geräusch hörst.
Krieg kann nicht normal sein, aber die Menschen gewöhnen sich daran und das ist wie – es ist der gruseligste Teil, wenn du verstehst, dass du dich an den Krieg gewöhnst. Ich habe keine Hoffnungen, wirklich.
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