Tribunal 45: Gaming als Erinnerungskultur

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Vor 80 Jahren begann im Nürnberger Justizgebäude das internationale Militärtribunal zur Aufarbeitung der NS­-Verbrechen. Zum Jahrestag am 20. November 2025 veröffentlicht das Memorium Nürnberger Prozesse zusammen mit Game Studio „Playng History“ das Handyspiel „Tribunal 45 – Working on Justice.

Das Smartphone-Game „Tribunal 45 – Working on Justice“ versetzt die Nutzer*innen in die Rolle der französischen Anklägerin Aline Chalufour. Chalufour war eine reale historische Figur: Juristin, Völkerrechtlerin, Anhängerin der Résistance und während der Nürnberger Prozesse unter anderem mit der Aufarbeitung von Geiselerschießungen befasst.

Als Aline Chalufour sollen sich User*innen die Schuld von NS-Angeklagten nachweisen und sich mit Fragen des Völkerstrafrechts auseinandersetzen wie: „Was unterscheidet ein militärisches von einem zivilen Ziel?“ Was sind „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“? Und „wie viel Gewicht soll Opferstimmen im Prozess gegeben werden?“

Bild aus dem Spiel. Standbild Diskussion Robert H. Jackson, US-Chefankläger
Screenshot aus dem Spiel „Tribunal 45“
Bildnachweis: Memorium Nürnberger Prozesse

Was waren die Nürnberger Prozesse?

Die Hauptverantwortlichen der NS-Verbrechen, die gefasst werden konnten, mussten sich in den Nürnberger Prozessen vor Gericht unter anderem für ihre Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Angeklagt waren 24 hohe Vertreter des nationalsozialistischen Regimes, wie z. B. Albert Speer oder Hermann Göring.

Warum sind die Nürnberger Prozesse so bedeutend?

Erstmals wurden Politiker und Militärs persönlich bestraft und ihre individuelle Schuld untersucht. Seitdem können Verbrechen völkerstrafrechtlich verfolgt werden, selbst wenn die Verbrecher ein hohes Amt innehaben oder die Gesetze eines Staates das Verbrechen zulassen.

Der erste Prozess vor dem Internationalen Militärgerichtshof bereitete dem heutigen Internationalen Strafgerichtshof im niederländischen Den Haag den Weg. Er war essenziell für das moderne Völkerstrafrecht.

Fakten hinter dem Spiel

„Tribunal 45“ stützt sich auf historische Quellen und aktuelle Forschungsliteratur, die auf der Website eingesehen werden können. Zentrale Grundlage der Recherche waren Prozessprotokolle sowie Ton- und Filmaufnahmen des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses. Für die Ausgestaltung der Gespräche und Diskussionen im Spiel wurden zudem Autobiografien von Zeug*innen herangezogen, darunter die des jüdischen Dichters und Zeugen Abraham Sutzkever sowie der polnischen Widerstandskämpferin und Birkenau-Überlebenden Seweryna Szmaglewska. Um zentrale Fragen des Völkerstrafrechts erfahrbar zu machen, sind die historischen Fakten in eine fiktive Handlung um die Protagonistin Aline Chalufour eingebettet.

Ann-Kathrin Steger, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Nürnberger Memoriums

„Wir hatten zunächst überlegt, Originalquellen direkt ins Spiel einzubinden. Das hätte die Spielenden jedoch aus der Spielwelt herausgerissen und sie mit sehr umfangreichen, schwer lesbaren Texten in mehreren Sprachen konfrontiert. Deshalb haben wir uns bewusst dagegen entschieden – ein wichtiger Diskussionspunkt im Entwicklungsprozess.“

Warum „Tribunal 45“ eine französische Perspektive einnimmt

Ann-Kathrin Steger, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Nürnberger Memoriums

„Die französische Perspektive ist im kollektiven Gedächtnis bislang wenig präsent und bot daher einen bewussten Gegenpol zur dominierenden amerikanischen Darstellung.

Eine deutsche Perspektive – etwa als Verteidigung oder Angeklagte – wurde ausgeschlossen, da der Fokus des Spiels auf den Anklagepunkten und den Verbrechen der Nationalsozialisten liegt.

Zugleich spiegelt Chalufours historische Rolle die der Spielenden wider: Auch sie agieren im Hintergrund, führen Gespräche, sammeln Beweise und ordnen Argumente. Schließlich macht die Figur sichtbar, dass auch Frauen als Juristinnen am Prozess beteiligt waren – ein Aspekt, der im Spiel weiter aufgegriffen wird.“

Mühsame Bürokratie

Die Aufgabe im Spiel besteht darin, die Schuld der angeklagten NS-Funktionäre nachzuweisen. Dazu führen sie taktische Gespräche mit Zeuginnen, Verteidigerinnen und Chefanklägerinnen, spüren Indizien auf und stellen Beweismappen zusammen. Das kann beim Spielen durchaus etwas ermüdend wirken, was den Entwicklern aber bewußt ist.

Ihnen ging nach eigener Aussage darum, niederschwellig klarzumachen, dass die Nürnberger Prozesse ein Dokumentenprozess war. Anklageteams mussten eine Unmenge von Akten, Briefe, Fotografien, Tagebücher durchgehen und übersetzen, bevor sie als Beweismittel im Prozess eingeführt werden konnten.

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Screenshot aus dem Spiel „Tribunal 45“
Bildnachweis: Memorium Nürnberger Prozesse

Ist es möglich, falsche Entscheidungen zu treffen?

Ann-Kathrin Steger, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Nürnberger Memoriums

„Man kann keine falschen Entscheidungen treffen und die Handlung auch nicht beeinflussen. Wir haben uns gegen alternative Spielverläufe entschieden, wir wollen keine grundlegend fiktive Geschichte zum Hauptkriegsverbrecherprozess erzählen. Eine schlechte Spielentscheidung kann also nicht zum kontrafaktischen Freispruch von NS-Größen führen.

Das liegt auch an unserer Zielsetzung: Wir wollten Menschen mit dem historischen Geschehen des internationalen Militärtribunals vertraut machen und nicht mit einer alternativen Realität. Die Autonomie der Spieler und Spielerinnen ist also begrenzt, das Spiel ist einem Graphic Novel mit spielerischen Elementen nicht unähnlich.“

Was ist ein Serious Game?

Serious Games gewinnen in der Welt der Videospiele immer mehr an Bedeutung. Diese Spiele verfolgen nicht nur das Ziel, zu unterhalten, sondern verbinden Gameplay mit einem Bildungsauftrag. Beim sogenannten Gamebased Learning gibt es zwei Herangehensweisen: Zum einen gibt es Spiele, in denen ein explizites Lernziel verfolgt wird und den Nutzer*innen bewusst ist, dass sie gerade etwas lernen. Zum anderen existieren Spiele, die Wissen oder Werte unterbewusst vermitteln – das Lernen geschieht hier quasi nebenbei, eingebettet in das Spielerlebnis.

Immer mehr Erinnerungs- und Bildungsstätten investieren gezielt in diese Formate, um junge Menschen anzusprechen und ihnen auf niederschwellige Weise demokratische Werte zu vermitteln. Besonders wichtig in Zeiten, in denen sich immer mehr junge Menschen politisch nach rechts orientieren. So erhielt die Alternative für Deutschland (AfD) bei der Bundestagswahl 2021 nur sieben Prozent der Stimmen der 18- bis 24-Jährigen, bei der Bundestagswahl 2025 waren es bereits 21 Prozent, wie die Bundeszentrale für politische Bildung berichtet.

Expertinnenblick: Verena Gerner über „Tribunal 45“

Grundsätzlich decken sich die Erwartungen der Machenden und von Verena Gerner, Professorin für Digital Learning an der Hochschule Ansbach. „Tribunal 45“ knüpft an bereits vorhandenes Wissen der Nutzer*innen an und ermöglicht durch seine Simulation eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Nürnberger Prozessen. Zielgruppe sind vor allem junge Menschen, die niedrigschwellig an Themen wie den Hauptkriegsverbrecherprozess, NS-Unrecht und Völkerstrafrecht herangeführt werden sollen – vorausgesetzt, sie bringen Grundwissen zur NS-Zeit mit.

Verena Gerner betont, dass man die Erwartungen an Lernspiele realistisch halten müsse: Laut aktuellen Studien werden Lernspiele oft nur oberflächlich rezipiert, sobald Aufgaben als „zu anstrengend“ empfunden werden, möchten Spieler*innen schnell zum unterhaltsamen Teil des Spiels gelangen.

Lernspiele sind daher eine hervorragende Möglichkeit, die Motivation der Lernenden zu steigern – doch können sie das klassische Lernen nicht ersetzen. Daher ergibt Tribunal 45 vor allem Sinn im Kontext eines Museumsbesuchs, einer Unterrichtseinheit oder bei bereits vorhandenem Vorwissen.