„Der Tiger“ bricht radikal mit den Sehgewohnheiten des Antikriegsfilm-Genres. In der beklemmenden Enge eines Panzers verschwimmen Historie und psychologischer Horror. Salome Schmidgall hat bei der Premiere mit den Schauspielern gesprochen & analysiert, warum der Film gerade heute eine notwendige Überforderung darstellt.
Der lang ersehnte Antikriegsfilm Der Tiger ist nun endlich auf Prime verfügbar. Zuvor lief der Film in ausgewählten Cinestar-Kinos – als erste deutsche Amazon-Produktion jemals. Regisseur Dennis Gansel (Die Welle) wendet sich mit diesem Werk erneut einem düsteren Kapitel der deutschen Geschichte zu und bedient sich dabei den an den Erzählungen seines Großvaters.
Der Tiger spielt fast ausschließlich im Inneren eines deutschen Tiger-Panzers im Zweiten Weltkrieg. Die Besatzung, bestehend aus Philip (David Schütter), Christian (Laurence Rupp), Helmut (Leonard Kunz), Keilig (Sebastian Urzendowsky) und Michel (Yoran Leicher), erhält einen Geheimauftrag und begibt sich auf eine Reise weit hinter die Ostfront.
Statt großen Schlachten zeigt der Film den Krieg aus der Perspektive derer, die ihn ausführen müssen. Abgeschnitten von der Außenwelt und aufgeputscht mit Methamphetamin müssen sich die Männer statt Gegnern besonders ihren eigenen Dämonen stellen.
„Wir erzählen Menschen. Dadurch bringen wir Leute dazu, sich damit identifizieren zu können – und zu reflektieren, ob wir weiter solche Wahlzahlen haben wollen“,
erklärte Hauptdarsteller David Schütter bei der Filmpremiere in Berlin. Der Film moralisiert nicht, sondern zwingt zur Selbstreflexion. Er holt den Krieg aus der historischen Distanz und zwingt uns, ihn als reale, menschliche Erfahrung zu begreifen.
Das Unbehagen bringen die Schauspieler eindrücklich auf die Leinwand. Die Angst wirkt nicht gespielt, sondern körperlich. Yoran Leicher beschrieb das Drehen im Panzer als sehr belastend:
„Für mich war das wirklich sehr beklemmend, im Panzer zu drehen. Du bist da drin und hast wirklich Angst und Panik – und irgendwann kam das Cut. Sich vorzustellen, dass dieses ‘Cut’ für manche Leute nicht kommt und dass manche Leute über Jahre da in diesem Panzer drin sind und um ihr Leben kämpfen, das ist für mich unvorstellbar und mir übel bei diesem Gedanken.“

Der Tiger ist kein einfacher Film. Er ist laut, eng, unangenehm. Allein, dass er erscheint, während ein Krieg in Europa tobt, macht das Zusehen beinahe unerträglich. Dennis Gansel weiß das. Doch gerader deshalb mache er solche Filme. „Wir leben in schwierigen Zeiten, wir müssen uns damit auseinandersetzen. Spannende Antikriegsfilme gehören dazu“, erklärte der Regisseur bei der Premiere.
Die Frage nach der Verantwortung stellt der Film fragt nicht nur im historischen Kontext, sondern auch danach, wie leicht Gesellschaften heute wieder bereit sind, Krieg zu akzeptieren. „Ich glaube, das Thema Krieg ist sehr aktuell und betrifft die Generationen aktuell leider sehr viel mehr, als man sich das wünschen würde“, betonte Schauspieler Sebastian Urzendowsky. Auch deshalb bleibt nach dem Abspann kein Gefühl von Triumph, sondern reine Erschöpfung.
In einer Zeit, in der der Krieg es zurück in unsere täglichen Gedanken geschafft hat, ist Dennis Gansel ein Antikriegsfilm gelungen, der schmerzt. Der nachhallt. Den man gerade jetzt unbedingt sehen sollte. Oder in David Schütters Worten:
„Ich glaube, dass man hier rausgeht und die Kost des Friedens mehr zu schätzen weiß.“
David Schütter
FAQ:
Wo kann man „Der Tiger“ ansehen?
Der Film lief zunächst in ausgewählten Cinestar-Kinos. Seit Januar kann man ihn auf Amazon Prime streamen.
Gehört der Film zu Amazon?
Ja, der Film ist eine Produktion von Amazon Prime Video. Nach dem Netflix-Erfolg von „Im Westen nichts Neues“ hat der Streamingdienst damit einen eigenen deutschen Weltkriegsfilm nachgelegt.
Beruht „Der Tiger“ auf einer wahren Begebenheit?
Nein, die Geschichte von Dennis Gansel beruht auf keiner wahren Geschichte. Allerdings erklärte der Regisseur, er habe sich von den Erzählungen seines Großvaters inspirieren lassen. Die Idee für die Story hatte Gansel übrigens schon, als er 13 Jahre alt war.
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