Zwischen Stolz und Größenwahn – Del Toros Frankenstein

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5–7 Minuten

Was könnte das Thema „Stolz“ besser verkörpern als die Geschichte von Victor Frankenstein? Ein Wissenschaftler, dessen Ehrgeiz in Größenwahn umschlägt und ihn gefährlich nah an den Abgrund führt. Für unsere Sendung zum Schwerpunkt „Stolz“ habe ich die Filmfigur aus Guillermo del Toros neuem Netflix-Hit mit ihrem literarischen Original verglichen. Zum Schluss folgt eine allgemeine Review.

Nach über 20 Jahren vollendet der mexikanische Regisseur und Drehbuchautor Guillermo del Toro sein Lebenswerk. Eine Adaption von Mary Shelley’s 1818 veröffentlichtem Klassiker Frankenstein. Im Interview mit IndieWire erklärt Del Toro, warum ihm das Projekt so wichtig war:

„Ich wollte über meinen Vater und mich sprechen, und dann wurde ich selbst Vater und wollte über mich als Vater sprechen und über die Fehler, die man dabei macht.“

Guillermo del Toro (IndieWire, Übersetzt aus dem Englischen)
Del Toro im Interview mit IndieWire

Sein Augenmerk liegt darauf, wie die Kindheit den Charakter formt. Welchen Schatten Strenge wirft und welche Rolle Stolz spielt. Diese Dynamik spiegelt er in der Figur Victor Frankenstein wider.

Victor Frankensteins Kindheit

Im Film ist Victor Frankenstein der ältere Sohn von Leopold und Claire Frankenstein. Sein Vater ist ein berühmter Schweizer Chirurg und Baron, der seine Mutter nur wegen ihrer adligen Herkunft und ihres Geldes geheiratet hat. Victors Kindheit ist geprägt vom Streiten seiner Eltern und der unbarmherzigen Erziehung seines Vaters. Laut Victor verachtet sein Vater ihn und seine Mutter:

„Unser rabenschwarzes Haar, unsere tiefen, dunklen Augen, selbst unsere ruhige, zeitweise hochempfindliche Veranlagung schien ihn in äußerste Rage zu bringen.“

Victor Frankenstein (Frankenstein 2025, Netflix)

Seine Mutter ist die Einzige, die ihm Liebe schenkt, die ihm Zuneigung zeigt. Während der Geburt seines Bruders William stirbt sie. Mit ihrem Tod erwacht ein tiefer Groll in Victor. Ein Gedanke verfestigt sich in seinem Kopf; was, wenn sein Vater seine Mutter absichtlich hat sterben lassen:

„Meine Mutter war unter den Händen des gelehrtesten Arztes seiner Zeit gestorben. Denen meines Vaters.“

Victor Frankenstein (Frankenstein 2025, Netflix)

Er konfrontiert seinen Vater, der antwortet floskelhaft:

„Niemand besiegt den Tod.“

Leopold Frankenstein (Frankenstein 2025, Netflix)

Im Wahn von Trauer und Hass schwört sich Victor: Er muss seinen Vater als Chirurg in Anspruch und Erfolg überragen. Er muss der Welt beweisen, dass er den Tod besiegen und einen verstorbenen Körper wiederaufleben lassen kann.

Hier zeigt sich ein erster Unterschied zwischen Buch und Film. Im Buch hat Victor eine wohlbehütete, liebevolle und sorgenfreie Kindheit. Durch sein Interesse an den Naturwissenschaften beginnt er ein Studium an der Universität Ingolstadt. Sein Ziel ist es, die Wissenschaft voranzutreiben. Nicht etwa, Rache an seinem Vater zu nehmen.

Del Toro‘s Änderung mag auf den ersten Blick unnötig erscheinen, und legt doch den Grundstein für Victors Entwicklung.

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Frankenstein von Mary Shelley vor Guillermo del Toros Frankenstein auf Netflix. Foto: Maja Single, Urheber: Penguin Random House UK & Netflix

Victor als Erwachsener

Als Erwachsener ist Victor stolz, eingebildet, skrupellos, kaltherzig und egozentrisch. Er sucht konstant nach Aufmerksamkeit. An der königlichen Akademie für Medizin in Edinburgh will er die Disziplinarkommission von seiner Forschung überzeugen. Er schreit um sich, gestikuliert wild und vergleicht sich mehrmals mit Gott:

„Gott schenkt Leben und Gott nimmt es, Victor!“ – „Was, wenn Gott unfähig ist? Und es an uns ist, die Fehler, die er macht, zu korrigieren? Lasst euch von diesen alten Narren nicht zum Schweigen bringen.“

Victor Frankenstein und andere (Frankenstein 2025, Netflix)

Auch wenn viele wissenschaftliche Quellen Victors Charakter im Buch bereits als narzisstisch deuten, so erhält sein Stolz im Film neue Dimensionen.

Die Kommission bezeichnet ihn als abscheulich und obszön und verweist ihn von der Universität. Trotzdem schafft es Victor schließlich, aus verschiedenen Leichenteilen eine Kreatur zusammenzusetzen und sie zum Leben zu erwecken. In diesem Moment erreicht sein Übermut den Höhepunkt. Voller Freude empfängt er sein Werk:

„Victor“ „Ja, ja, ja… So ist es gut, so ist es gut!“ „Victor“.

Victor Frankenstein und die Kreatur (Frankenstein 2025, Netflix)

Wann Stolz zum Verhängnis wird

Doch mit der Zeit merkt Victor, dass seine Kreatur nicht die göttliche Schöpfung ist, die er sich erhofft hat. Sie ist unbeholfen und kindlich. Er fühlt sich in seinem Stolz verletzt, stößt die Kreatur ab. Er schreit sie an, schlägt sie, hält sie angekettet im Keller gefangen, bis er beschließt, sie bei lebendigem Leib zu verbrennen.

Guillermo del Toro gelingt mit Frankenstein eine Geschichte über generationsübergreifendes Trauma, Kontrollverlust und die Flucht vor Verantwortung. Im Buch ist Victor um die 23 Jahre alt. Ein überforderter Student, schockiert über seine eigenen Fähigkeiten. Schon im Moment, in dem die Kreatur die Augen aufschlägt, ergreift er vor Angst die Flucht. Im Film ist Victor Mitte 40. Er sollte wissen, dass die Erziehung der Kreatur Zeit in Anspruch nimmt. Doch durch seine Kränkung verfällt er in dasselbe Muster wie sein Vater, wird sogar noch gewalttätiger.

Und dann wird klar, dass nicht die Kreatur, sondern der Schöpfer das Monster ist.

Meine Meinung zu Frankenstein auf Netflix

Was mir gut gefallen hat 👍

  • Die Besetzung der Rolle Victors mit Oscar Isaac und die Synchronisation durch Alexander Doering. Beide lassen Victor schon ab der ersten Sekunde an unsympathisch wirken. Jacob Elordi in seiner Rolle der Kreatur spielt ebenfalls hervorragend. Ein persönliches Highlight: Charles Dance als Leopold Frankenstein.
  • Das Kostüm-Design. Insbesondere die Kleider von Elizabeth Harlander. Die kräftigen Farben, die Muster und Stoffe, der Schmuck und die Kopfbedeckungen. Elizabeths Kleider sehen genauso schillernd aus, wie die Insekten, für die sie sich interessiert. Aber auch das Makeup-Design der Kreatur sieht fantastisch aus.
  • Auch das Set Design ist überzeugend. Am meisten mochte ich die Szenen im Anwesen der Frankensteins, im Speisesaal und der Bibliothek, sowie die Szenen in Victors Labor in Edinburgh. An der Lichtgestaltung mochte ich, dass viele Szenen während der Goldenen Stunde spielen (Victors Szenen) und bei kühlem Licht in der Natur (Szenen der Kreatur).
  • Das Nutzen verschiedener Symbole: Rote Farbe als Symbol der Mutter Frankensteins. Die Milch als Symbol für Victors Unreife. Und die Elfenbeinfigur einer schwangeren Frau als Symbol dafür, wie sehr Victor neues Leben erschaffen will.
  • Außerdem die Erschaffung der Kreatur. Alle einzelnen Schritte und Überlegungen zu sehen. Die Grausamkeit zu sehen, mit der Victor seine Leichenteile aussucht, zersägt und zusammensetzt. Dieser Teil wurde im Buch komplett übersprungen.

Was mir nicht gefallen hat 👎

  • Der Einsatz von CGI und Effekten. Wie viele moderne Filme leidet „Frankenstein“ an einer Art „Netflix-Ästhetik“: Alles sieht zu sauber, zu geordnet und zu schön aus. Aus den Farben wird die maximale Sättigung herausgeholt. Viele Aufnahmen sehen unrealistisch aus, von den Wölfen im Film ganz zu schweigen.
  • Im Film wird die Einsamkeit der Kreatur nicht annähernd so eindringlich dargestellt wie im Buch. Zwar bittet die Kreatur auch im Film Victor um eine Gefährtin, doch die Verzweiflung kommt kaum zur Geltung. Für mich wirkt das Ganze zusammenhangslos. Meiner Meinung nach, hätte es eine Szene mehr gebraucht.
  • Die Passivität der Kreatur. Im Buch ist die Kreatur so verletzt, dass sie sich Rache an Victor schwört und diese auf brutalste Weise durchzieht. Del Toro wollte die Kreatur so unschuldig wie möglich darstellen. Sie sollte keine Menschen umbringen, außer in Notwehr. In meinen Augen wäre eine Rachegeschichte realistischer gewesen.
  • Damit zusammenhängend das Ende bzw. das letzte Gespräch zwischen der Kreatur und Victor Frankenstein. Auch ein gutes Beispiel für die Sprache im Film, die mir stellenweise zu schwafelig war.
  • Die Liebesgeschichte zwischen der Kreatur und Elizabeth. Der Strang der Geschichte hat sich unvollständig angefühlt. Man hätte die Beziehung in weiteren Szenen tiefer erforschen oder komplett weglassen müssen.