Erich Grau, Grizzlies-Quarterback, erzählt von der Gründung, Rivalität und Herausforderungen des deutschen American Footballs.

Foto: Robert Grau
Erich Grau, Waren Sie schon immer eine sportliche Person?
Erich Grau: Ja. Ich bin mit sechs Jahren zum Geräteturnen, mit 14 Jahren zur Leichtathletik gegangen. Dann habe ich Sport studiert.
Wie kam die Begeisterung für American Football?„
Grau: In Ansbach haben wir am Freitagabend oft der Highschool Mannschaft Ansbach Cougars zugeschaut. (Highschool auf dem Gelände der US-Kaserne in Katterbach Anm. d. Red.) NFL-Spiele waren damals auch frei empfangbar. 1978 habe ich dann aus einem USA-Urlaub zwei Bälle mitgebracht.
Wie hat das damals in Ansbach angefangen? Wie konnte das „kleine“ Ansbach Gründungsmitglied der Football Bundesliga werden?
Grau: Wir wussten, dass 1978 in Frankfurt und Düsseldorf zwei Teams gegründet wurden. Zuerst wollte ich im Januar 1979 beim Sportstudium in Erlangen mit einem Freund, der in den USA beim Schüleraustausch Football gespielt hatte, Interessenten für ein Team finden. In Ansbach haben wir außerdem im Basketballtraining ab und zu mit dem Football geworfen und plötzlich hatten wir im April 1979 14 Interessenten. Alles herausragende Sportler. Da haben wir uns entschlossen, im August in der neuen Liga mitzuspielen.
Welche Rolle hatten Sie bei der Gründung der Grizzlies?
Grau: Ich war der Initiator, der alles in die Wege geleitet hat. Die ersten Trikots habe ich von der Highschool geliehen. Etwa 20 Ausrüstungen habe ich selbst bezahlt, 13 haben die anderen Sportler für sich selbst gekauft. In vielen Stadionzeitungen stand damals, dass, um meinen Nachnamen im Vereinsnamen zu haben, der Name Grizzlies wegen des eingedeutschten Graubären gewählt wurde. Das stimmte aber nicht. Bobby Hübsch, schon damals Marketingexperte, hatte den Namen vorgeschlagen, weil er in Deutsch und Englisch gleich klingt.
College Erfahrung aus der Kaserne
Wie viel Einfluss hatte die US-Army in den Anfangsjahren der Grizzlies?
Grau: Ich hatte gute Kontakte zu den Amerikanern in Ansbach und so kamen viele sehr gute Spieler, die auch College Football gespielt hatten, zu uns. Ein Florida Athlete of the Year war dabei, mehrere Sportler waren in NFL-Camps. Auch die Trainer waren anfangs sehr gute Amerikaner.

Quelle: Archiv Ansbach Grizzlies
Wie hoch war das Niveau in der Liga damals? Gab es einen großen Leistungsunterschied zwischen den Amerikanern und Deutschen?
Grau: Taktisch war es anfangs sehr einfach, athletisch waren wir sehr gut. Die Amerikaner waren aber die herausragenden Spieler.
Wie professionell war der deutsche Football damals?
Grau: Alle waren reine Amateure. Sogar die Amerikaner zahlten 100 Mark Mitgliedsbeitrag für die Saison. Allerdings konnten wir als erstes Team nach dem ersten Heimspiel den Spielern die Ausrüstungen vom Verein stellen.
Leichtathleten und Basketballer beim Rasenschach dabei
Wie wurdet ihr als Footballspieler in Ansbach wahrgenommen?
Grau: Von den Sportvereinen als unerwünschte Konkurrenz. Als ich eine gebrauchte Sitzplatztribüne für 500 Plätze organisiert hatte, wurde von der Stadt verboten, diese aufzustellen. Platzbenutzung im April oder Mai geht nicht: Vegetationsperiode. Training im Juni oder Juli geht nicht: Vegetationsperiode ist vorbei. Den abgetretenen Rasen um den Elfmeterpunkt oder im 5-Meter-Raum des Fußballfeldes hatten natürlich die Grizzlies zu verantworten.
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Wie konnte man es schaffen, in den ersten acht Saisons im Süden so dominant zu sein?
Grau: Wir hatten herausragende deutsche Sportler: Thomas Mai (Judo – Bundesliga), Thomas Spengler (Basketball – 2. Bundesliga), Stefan Spengler (Kugelstoßen) und Peter Friedrich (Diskus). Dazu haben wir uns sehr schnell taktisch weiterentwickelt. Einen Pulling Guard hatte damals noch kein anderes Team.
War das eher ein kurzes Intermezzo oder blieben die Sportler lange dem Football erhalten?
Grau: Die wenigsten Sportler haben sehr lange gespielt. Zur Zeit der Endspielteilnahmen waren es eigentlich schon drei Generationen. Ein Kern hat zehn Jahre gespielt, andere weniger. Studium, Berufseinstieg, Familie und Kinder hatte oft dann nach ein paar Jahren eine höhere Priorität.
Finalgegner entwickeln Heated Rivalry
Wie viel Kontakt hattet ihr zu den anderen Mannschaften in der Liga?
Grau: Der Kontakt war anfangs nur auf Funktionärsebene, um den Spielbetrieb zu organisieren. Leider wurden wir braven Westmittelfranken immer wieder von den anderen Teams um Geld betrogen, sodass sich das Interesse an einer Zusammenarbeit sehr schnell erledigt hatte. Beispielsweise wurden wir zu einem Freundschaftsspiel eingeladen und uns wurde versprochen in der Halbzeit die Bus- und Übernachtungskosten aus den Eintrittsgeldern ausgezahlt zu bekommen. Bekommen haben wir aber gar nichts. Und dann war die Regel, dass bei Ligaspielen von den Einnahmen 60 Prozent beim Heimverein bleiben, 40 Prozent der Gast bekommt. Dann hatte Düsseldorf trotz 3000 Zuschauern gar keine Einnahmen, alles angeblich Freikarten.
War die Rivalität zwischen den beiden Teams auch so groß, weil ihr Jahrelang die zwei besten Teams der Liga wart? Zwischen 1983 und 1986 traft ihr immerhin viermal hintereinander im Finale aufeinander.
Grau: Da war ein krasser Unterschied zwischen den Spielern beider Teams, die bis heute sehr gute Freunde sind und sich gerade wieder zum 40. Jubiläum des 1985er Jahres getroffen haben und den unseriösen Funktionären. Da wurde in Nordrhein-Westfalen so manche Kasse am Spieltag geklaut.
In den dominanten Ansbacher Jahren wurden Sie der erste Quarterback der deutschen Nationalmannschaft. Wie ist das zustande gekommen?
Grau: Die meisten Teams in der Liga spielten nur mit Amerikanern als Quarterbacks. Darauf haben wir uns nicht verlassen. Ich war ein schneller Sprinter, aber leider nicht sehr wendig und hatte einen sehr präzisen Wurfarm, leider kamen die Pässe nicht extrem weit. Auch taktisch konnte ich mit unseren Stärken in die Schwächen des Gegners hineinspielen.

Quelle: Archiv Ansbach Grizzlies
1986 gab es dann den ersten Versuch eine Europäische Footballliga aufzubauen. Die Ansbach Grizzlies waren damals dabei, verloren aber im Viertelfinale gegen die Birmingham Bulls. Wie war die Erfahrung sich auf europäischer Ebene zu messen?
Grau: Letztendlich wurden wir absolut betrogen. Zuerst vom Deutschen Verband, der alle Spielerwechsel zu unserer Verstärkung ablehnte, weil wir das Team des deutschen Verbandspräsidenten im Viertelfinale der Deutschen Meisterschaft hoch besiegt hatten: „Jetzt könnt ihr mal sehen, wie es ist, wenn man verliert“. Trotzdem hatten wir gegen Birmingham eine 12:0 Führung in der Halbzeit. Dann bekamen wir nur noch lächerliche Strafen. Die erste schon, weil ich am Ende der Pause ein paar Würfe zum Warmmachen an der Seitenlinie gemacht habe, das ist ganz normal und üblich.
Langsamer Abschied und große Ehre
1987 und 1988 habt ihr als Mannschaft noch das Halbfinale erreicht 1989 das Viertelfinale. Danach Abstieg nach Abstieg. Warum sind die Grizzlies so stark eingebrochen?
Grau: Wir sind eben nicht eingebrochen. Wir haben mehrere Generationswechsel überstanden. Es ging nur langsam über viele Jahre aber doch stetig bergab. Hauptgrund war, dass die herausragenden deutschen Sportler nicht mehr gleichwertig ersetzt werden konnten.
2013 wurden Sie in den ersten Jahrgang der Deutschen Football Hall of Fame aufgenommen. Aktuell sitzen Sie in dessen Jury. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung.
Grau: Titel zu gewinnen ist sicherlich die allerwichtigste Basis. Dann aber von Experten und vielen Menschen bei der Wahl eine Anerkennung zu erfahren, freut mich auch sehr.
Wie viel Football schauen Sie aktuell?
Grau: Nicht mehr viel. In den Playoffs heuer wieder die 5-Minuten-Zusammenfassungen. Ich erinnere mich an einen Superbowl, bei dem ich in Neuseeland am Strand war und von der Übertragung in der Strandbar haben mich weder die Teilnehmer noch der Sieger interessiert.
Folgen des American Football
Sie kämpfen seit Jahren mit der Krankheit CTE (Chronisch Traumatische Enzephalopathie), die wahrscheinlich durch die vielen Kopftreffer beim Football ausgelöst wird. Können Sie beschreiben was genau CTE ist und wie sich die Krankheit bei Ihnen im Alltag bemerkbar macht?
Grau: „It’s a miserable life“ beschreibt es sehr gut. Ich denke langsam und unflexibel, glücklicherweise bin ich nicht mehr aggressiv aber ein Mitspieler von damals mit ähnlichen Symptomen hat zwei Leute erschossen, ein anderer jemanden abgestochen, zwei begangen Suizid. Ich musste als 54-Jähriger in den Ruhestand.
Info: Was ist CTE?
CTE ist eine seltene Form der Demenz, die durch wiederholte Kopfverletzungen entsteht.
Wie weit hilft der Sport, trotz CTE, einen „normalen“ Alltag zu führen?
Grau: In der Leichtathletik wurde ich nochmals bayerischer Meister im Speerwurf, im Skibob mehrfach Weltmeister und gerade Deutscher Meister im Bankdrücken. Alles natürlich in meiner Altersklasse, jetzt bin ich 70 Jahre alt, bald 71. Normal ist in meinem Alltag nichts mehr. Ich schlafe nachts zehn bis elf Stunden und dazu halte ich noch eine gute Stunde Mittagsschlaf. Beim Sport brauche ich viele Pausen und wöchentlich gehe ich zweimal zur Krankengymnastik. Wenn ich noch 20 % dessen schaffe, was andere am selben Tag zustande bringen war das für mich einer der besseren Tage.
Was wären Ihrer Meinung nach Maßnahmen die CTE verhindern könnten?
Grau: Zigarettenfilter sollten Lungenkrebs verhindern und haben es kaum beeinflusst. Wenn Football die CTE-Wahrscheinlichkeit durch zum Beispiel Helmpolster, Helm-Kontakt oder Kickoff Regeln um ein paar Prozente ist das wohl das Maximum, was man herausholen kann. Linemen werden weiterhin Dauerkontakte bei jedem Spielzug haben und Stürze auf den Boden werden bleiben.
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