Fehlentscheidungen wie beim EM-Aus 2024 sollen bald der Vergangenheit angehören: Die Bundesliga führt die halbautomatische Abseits-Technologie ein. Doch kann eine KI wirklich das „Fingerspitzengefühl“ eines Schiedsrichters ersetzen? Wir haben beim DFB und Experten nachgefragt, ob der Fußball durch zu viel Technik seine Seele verliert.
Dieser Beitrag wurde von Schülern des Dürer-Gymnasiums in Nürnberg im Rahmen eines einjährigen Projekts zum Thema Medienkompetenz gemeinsam mit Redakteur:innen von Rabbit Radio recherchiert und produziert. Er ist Teil einer ganzen, von Schülern gestalteten Sendung.
Immer wieder werden Vorwürfe laut, dass der Schiri doch nicht ganz so unparteiisch sei, wie er sollte. Als Beispiel könnte man das EM-Aus Deutschlands letztes Jahr nach dem Handspiel der Spanier sehen. Schon in der kommenden Saison setzt die Bundesliga auf eine neue, halbautomatische Abseitstechnologie, die auf KI basiert.
Aber wie funktioniert das eigentlich – und wie wäre es mit künstlicher Intelligenz als Schiedsrichter? Präzisere Entscheidungen, weniger Diskussionen – das klingt doch nach einer fairen Zukunft auf dem Spielfeld.
Doch was bedeutet das für Spieler, Schiedsrichter und Zuschauer?
Fangen wir mit dem Status quo an: Alexander Feuerherdt von der DFB Schiri GmbH erklärt, wie es aktuell läuft:
Alexander Feuerherdt, DFB, Deutscher Fußballbund; Schiedsrichter:
„Die größte und wahrscheinlich einflussreichste Technologie ist rund um die Videoassistenten, die in der Bundesliga seit 2017 genutzt wird.“
Dabei schaut sich ein Team von Videoassistenten die Szenen in einem separaten Kontrollraum an und kann den Schiedsrichter über Funk auf Fehler aufmerksam machen. Das klingt zwar technisch und modern, hat aber noch nichts mit KI zu tun. Doch es gibt auch neue Ansätze.
Alexander Feuerherdt:
„In Bezug auf die Überprüfung von Abseits-Entscheidungen ist es so, dass wir ab der kommenden Saison geplant haben, die sogenannte halbautomatische Abseitstechnologie einzusetzen. Das heißt konkret, dann wird die Überprüfung nicht mehr von einem Menschen vorgenommen, sondern letztlich vom Computer, also künstliche Intelligenz.“
Im Anschluss überprüfen dann noch Menschen die Entscheidung. Was bei Abseits gut funktioniert, sieht bei der Erkennung eines Handspiels schwieriger aus: Hier muss die KI noch lernen. Außerdem sind die Systeme teuer und aufwändig. Bislang können sich vor allem große Turniere wie die WM oder die Champions League diese Technik leisten.
Wie wird eine Schiri-KI trainiert?
Aber was macht KI-Systeme so teuer? Das habe ich Steffen Probst vom Robotics-Club Erlangen gefragt. Im Verein baut er Roboter, die mit künstlicher Intelligenz gegen andere Robo-Mannschaften antreten.
Steffen Probst, Robotics-Club:
„Also um ein KI-System zu entwickeln, das die Aufgaben eines Schiedsrichters übernimmt oder nachahmt, würde man erstmal anfangen, indem man sucht, ob es bereits eine solche Implementation für ein solches System gibt.“
Und dann, wenn man was Passendes gefunden hat, um zum Beispiel das Video-Material zu analysieren, muss man dem System natürlich noch alle Regeln beibringen.
Steffen Probst:
„Das heißt, die Entwicklung eines neuen KI-Systems für eine Sportart könnte bestimmt für ein Entwicklerteam aus zwei bis drei erfahrenen Entwicklern auch einen Monat dauern.“
Training mit FIFA statt Profi-Videos
Darüber hinaus gibt es aber für Entwickler noch weitere Schwierigkeiten. Damit KI weiß, wie sie später entscheiden soll, muss man sie erstmal trainieren. Das geht am besten mit Video-Material. Je mehr, desto besser. Für ein gutes KI-System müssen es schon etliche Stunden Video sein. Die KI versucht dann, in diesen Daten ein Muster zu erkennen, was sie auf neue Datensätze anwendet.
Steffen Probst:
„Für jemanden wie uns, die wir keine Anhänger von irgendwelchen Fußballorganisationen sind, die jetzt auch keine großen Daten an Videos von Spielen haben, die tun sich dann schwerer.“
Oft verbieten die Lizenzen, Aufnahmen von Spielen zum KI-Training zu verwenden. Als Möglichkeiten, an Daten zu kommen, schlägt Steffen Probst auch eine überraschende Quelle vor: synthetische Daten.
Steffen Probst:
„Bedeutet, da nehme ich einfach das Fußballspiel, FIFA, und man wirft da einfach die Analyse-Tools drauf, die man für ein echtes Fußballspiel verwenden würde, dann könnte man auch von solchen synthetischen Daten ein System trainieren, das sinnvolle Entscheidungen trifft.“
Warum ChatGPT kein Schiedsrichter ist
Aber warum überhaupt diese komplizierte Entwicklung? Es gibt doch schon KI-Systeme, wie beispielsweise ChatGPT. Warum kann man denn nicht einfach dieses Modell für die Analyse von Fußballspielen verwenden?
Steffen Probst:
„Das ist ein fundamental stochastischer Ansatz. Was bedeutet dieser Ansatz? Das ist einfach sehr, sehr fehleranfällig.“
Klingt alles ziemlich aufwändig – aber wie finden Fans und Spieler das eigentlich? Denn Technik allein reicht nicht – entscheidend ist, wie wir mit ihr umgehen.
Steffen Probst hat hier eine klare Meinung:
Steffen Probst:
„Ich denke, Sport sollte etwas Menschliches bleiben. Da sehe ich jetzt auch keinen großen Nutzen oder Grund für, außer zum Beispiel, wenn zwei Teams keinen Schiedsrichter haben. Da wäre das natürlich cool, wenn man einfach dem Computer sagt, hey, mach mal du Schiri.“
Auch der DFB sieht das so. Die neuen Systeme sollen die Schiedsrichter unterstützen, nicht ersetzen.
Alexander Feuerherdt:
„An der Stelle würde ich eben stand jetzt auch eine klare Grenze ziehen und sagen, da hat künstliche Intelligenz auch nur eine begrenzte Existenzberechtigung und Existenznotwendigkeit, weil ich glaube, dass an der Stelle, wo es dann, wo dann Emotionen komplett aus dem Spiel genommen werden, wirklich schwierig wird.“
Die Experten sind sich also einig: Die menschliche Einschätzung, das Fingerspitzengefühl und die Emotionen gehören zum Fußball dazu. Und damit bleibt auch in Zukunft Platz für Diskussionen – aber vielleicht mit etwas weniger Streit über Abseits und Elfmeter.
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