Sprechchor:
Wehrt euch, leistet Widerstand, gegen den Faschismus hier im Land - auf die Barrikaden...

Finn:
Es ist ein eisiger Samstag, der 20. Januar 2024, ein Uhr mittags. Das Nürnberger Bündnis Nazistopp hat zum Protest gegen den Faschismus aufgerufen. Schon auf dem Weg von Zirndorf nach Nürnberg begegnen mir die ersten Demoplakate. „Das B in AfD steht für Bildung“ steht auf dem Schild einer etwa 16-jährigen, die neben mir am Bahnsteig steht. Trotz der Kälte füllt sich der Willy-Brandt-Platz in Nürnberg - direkt vor dem Büro der lokalen AfD.
Als ich mich dem Platz nähere, wird die Menschenmenge zum dichten Dschungel. Der LKW mit der Bühne ist kaum zu erkennen. Dabei soll es erst in einer halben Stunde losgehen. Ich frage mich: Wer sind diese Menschen und warum sind sie hier? Ich mische mich unter die Demonstrierenden und finde mich direkt neben Diana Liberova wieder. Sie ist Stadträtin in Nürnberg.

Diana Liberova:
Ja, ich bin hier, weil es für mich eine Verpflichtung ist, gegen die Feinde der Demokratie auf die Straße zu gehen. Auch für meine Überzeugung, für die vielfältige Gesellschaft dazustehen. Und dazustehen für die Werte  - nicht nur die Werte von Sozialdemokratie, sondern für die Werte von mir als Person. Ich freue mich, dass so viele Menschen heute gekommen sind. Das macht Mut.

Anna Heinze Lahçalar:
So, warum sind wir heute hier? Das wissen alle: wegen der AfD. Zuletzt jetzt diese Correctiv-Recherche, die hat uns glaub ich alle geschockt.

Finn:
Mit diesen Worten eröffnet Anna Heinze Lahçalar vom Nürnberger Bündnis Nazistopp die Versammlung. Mittlerweile ist der Willy-Brandt-Platz so voll, dass man sich kaum noch bewegen kann. Wohin ich schaue, sind nur Menschen. Ulrich Schneeweiß, Presseverantwortlicher und Redner der Demo, kommentiert das Bild so.

Ulrich Schneeweiß:
Ja, liebe Leute, ich bin echt baff. Ich bin schon lange in Nürnberg antifaschistisch aktiv - und habe auch noch nie so eine große Demonstration gegen Nazis gesehen - super, dass ihr da seid.

Finn:
Ernst Grube, ein Überlebender des Holocausts, betritt die Bühne. Der Applaus ist ohrenbetäubend. Dann herrscht Stille.

Ernst Grube:
Als ich diese Information über das Treffen in der Nähe von Potsdam gehört habe, war ich entsetzt und aufgewühlt. Weil ich als Kind einer jüdischen Mutter selbst Ausgrenzung, Entrechtung und Deportation während der Nazizeit erleben musste. Auf die Welt gekommen bin 1932 in München, vor der Machtübertragung an Hitler im Januar 1933.

Finn:
Er erzählt von der Verfolgung seiner Familie, wie ihre Rechte entzogen und sie getrennt wurden.

Ernst Grube:
Wir Kinder wurden zusammen mit unserer Mutter ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Nur mit viel Glück haben wir überlebt.

Finn:
Grube spricht außerdem von den Recherchen von CORRECTIV, die aufdeckten, dass sich im November 2023 rechtsextreme Personen aus verschiedenen Kreisen trafen. Und Grube erinnert an den rechtsextremen Terror.

Ernst Grube:
Wir müssen Druck machen auf Politik und Politiker*innen, dass ein Verbot der AfD mit entschlossener Sorgfalt vorangetrieben wird.

Finn:
Als Ernst Grube fertig ist, donnerte wieder Applaus. Veranstalterin Anna Heinze Lahçalar kommt zurück ans Mikro.

Anna Heinze Lahçalar:
Nie wieder ist jetzt! Und auch wenn ich nur die >paar< Tausende, die hier auf dem Platz hier sind, sehen kann, weiß ich, dass der Bahnhof voll ist, es geht bis zur Wöhrder-Wiese runter die komplette Marienstraße ist voll. Wir würden schätzen 20.000 Menschen in Nürnberg.

Finn:
20.000 Menschen? Von der Bühne aus brauche ich fast eine halbe Stunde, um einmal halb um den Platz zu laufen. Normalerweise schaffe ich das in unter zwei Minuten. In den Straßen rundherum das gleiche Bild: Menschenmengen, soweit ich schauen kann. An den Rändern der Demo stehen kleinere Gruppen von Demonstranten. Ein Mann fällt mir besonders ins Auge. Er hat zwei Plakate dabei. „I can’t believe i’m protesting for this shit in 2024“ und „Make Nazis afraid again“ – warum er auf die Demo gekommen ist, frage ich ihn:

Markus Meißner:
Weil mir der wachsende Rechtsextremismus hier in Deutschland sehr Sorgen macht. Die AfD auch schon seit vielen Jahren - und jetzt besonders durch diesen Correctiv Artikel ist jetzt denke ich endlich mal an der Zeit, da mal ordentlich dagegenzuhalten.

Finn:
Er hoffe, dass die Politiker in Richtung eines AfD Parteiverbot denken. Vor allem auch wegen der rechtsextremen Landesverbände der Partei. Auffällig ist: Fast jeder, mit dem ich auf der Demo spreche, vertritt diese Meinung. Und noch eine Sache fällt mir auf: Es sind ziemlich viele Familien mit Kindern dabei. Ich darf Tobias interviewen. Er ist mit seiner Mama Verena und seinem Papa Jakob auf der Demo.

Tobias & Jakob:
Wir sind hier, weil wir uns gedacht haben, dass jeder ein Recht hat hier zu sein. In Deutschland.

Ja, jeder hat das Recht hier - und es ist ein Zeichen, dass wir hier setzen wollen. Dass wir uns solidarisieren mit all jenen, die gegen Rechts aufstehen.

Finn:
Und wie sehen das die anderen Teilnehmer?

Demonstrant 1:
Wir müssen der AfD zeigen, dass es so nicht weitergeht. Ich habe sehr viele migrantische Freunde und die dürfen halt nicht abgeschoben werden.

Demonstrant 2:
Ich glaube, dass es wichtig ist, besonders hier vor einem Parteibüro zum Beispiel eine große Masse Menschen zu versammeln und einfach zu zeigen, dass es viele gibt. Es gibt ja auch viele Schilder, auf denen steht „wir sind mehr“. Und genau das eben zu demonstrieren.

Finn:
Diesem Statement schließt sich am Ende der Demo auch Ulrich Schneeweiß an. Er ist der Presseverantwortliche der Demo.

Ulrich  Schneeweiß:
Wir haben jetzt natürlich schon gedacht, die 1000 Leute, die wir angemeldet hatten ursprünglich, die werden wir wohl auf jeden Fall übertreffen. Gestern Abend in einer kurzen Videokonferenz, die wir hatten, haben wir gesagt "Na ja, vielleicht werden wir 10.000. Kann sein, wäre schön, würde uns sehr, sehr freuen. Mal sehen." Jetzt waren es heute 25.000. Mit was für einem Gefühl soll man nach Hause gehen? Das ist einfach geil.

Enthüllungen, Bedrohungen und ein starkes Team: Malina Dittrich ist für ihr Praxissemester beim Correctiv und berichtet von ihrer Zeit nach den Enthüllungen rund um die rechtsextremen Treffen. Bei uns lest ihr, wie die Redaktion mit den Auswirkungen ihrer Recherche umgeht und welche Rolle Malina selbst dabei spielt. Ein Blick hinter die Kulissen des investigativen Journalismus.

Finn:
Dann würde ich sagen, wir quatschen über Correctiv und was du beim Correctiv machst. Du bist jetzt drei Wochen da. Wie ist es? 

Malina:
Sehr cool, sehr aufregend. Ich wurde da eine ziemlich turbulente Zeit reingeschmissen.

Finn:
Das kann ich mir auf jeden Fall vorstellen. Kannst du so ein bisschen beschreiben, wie ist im Moment das Bild in der Redaktion?

Malina:
Also gerade so die Tage nach der Veröffentlichung war natürlich mega viel los. Es kamen super viele Interviewanfragen für unsere Chefredakteur:innen rein, und es waren Fernsehteams da. Es waren alle happy, dass es draußen ist, und irgendwie aufgeregt. Das war auch eine schöne Dynamik, weil alle zusammengearbeitet haben, weil es halt einfach viel zu tun gab danach. Und gefühlt alle haben ihre normale Arbeit so ein bisschen niedergelegt, um da mitzuhelfen. Und es war ein schöner Zusammenhalt.

Finn:
Wie geht es der Redaktion damit?

Malina:
Sie wussten, dass das eine große Sache ist. Sie waren auch mega gut vorbereitet. Ich habe gehört von Kolleg:innen, dass es einfach doch noch mal krasser eingeschlagen hat, als sie erwartet hätten. Auch allein deshalb, weil an dem Tag zum Beispiel auch nicht so viel sonst nachrichtenmäßig war, ist es noch mal so ein Riesending geworden. Und spätestens als sich dann Scholz auch geäußert hat, haben das auch die internationalen Medien aufgegriffen. Das heißt, mit den konkreten Ausmaßen, die es jetzt angenommen hat, da waren alle echt ein Stück weit überrascht drüber.

Finn:
Also schon so ein bisschen auch Selbststolz, oder?

Malina:
Ja, ich mein, klar, was die Kolleg:innen da geleistet haben, war krasse Arbeit und da kann man auf jeden Fall auch mega stolz drauf sein. Jetzt wird gerade so ein bisschen geschaut, wie machen wir weiter? Und es geht uns darum, was anzustoßen und was gerade auch total passiert. Auch andere Medien recherchieren jetzt dazu. Es kommen noch mal neue Sachen raus und so, ja, es ist natürlich cool für Correctiv, dass die jetzt so in aller Munde sind. Aber es geht ja um die Sache und da sind natürlich auch alle mega stolz, dass es gerade so Sache ist, tatsächlich.

Finn:
Ja, das glaube ich auf jeden Fall.  Wie ist deine Rolle in dem Ganzen?

Malina:
An sich habe ich jetzt direkt keine Rolle in dem Ganzen. Genau wie ich vorhin schon beschrieben habe: Es ist einfach so, dass jeder und jede gerade mithilft in der Redaktion, wenn es was zu tun gibt. Also wir haben jetzt zum Beispiel den Liveticker, da bin ich manchmal auch dafür zuständig, da kurze Meldungen zu schreiben.

Finn:
Wie könnte so eine Meldung aussehen, die du schreibst?

Malina:
Ja, ein Beispiel für so eine Ticker-Meldung ist zum Beispiel, dass sich Pottsalat - das ist dieser Salat Lieferdienst - dass der sich nach der Veröffentlichung von ihrem Investor Limmer getrennt hat. Oder auch, dass sich zum Beispiel der Verein Deutsche Sprache distanziert von Silke Schröder, weil sie da auch Teil war. Solche Sachen, die einfach in dem Zusammenhang passieren. Oder auch Ankündigungen, dass gerade super viele Demos stattfinden. Oder auch, dass wir berichten, was auf diesen Demos passiert.

Finn:
Jetzt auch ganz praktisch. Man hört ja aus anderen Ecken, wenn gegen rechts recherchiert wird, dass das ja auch manchmal nicht ganz ungefährlich ist. Wie ist das beim Correctiv?

Malina:
Klar, das betrifft uns auch. Ich mein, gerade die Kolleginnen, die in der Recherche involviert waren, natürlich. Aber generell sind wir jetzt alle, die dort bei Correctiv sind, aufgehalten, einfach vorsichtiger oder aufmerksamer zu sein, was so was angeht. Wir dokumentieren, auch wenn Bedrohungen stattfinden, also, sei es im Netz oder sei es auch auf den Straßen oder postalisch oder was auch immer.

Finn:
Was bekommt ihr da für Nachrichten?

Malina:
Alles ist möglich. Ich meine, X ist jetzt auch nicht dafür bekannt, super freundlichen Content zu präsentieren. Das heißt, da gibt es dann auch viele Hassnachrichten. Es gibt auch sowas wie einfach nur "ihr seid ein linkes Dreckspack". Also eigentlich alles Mögliche.

Finn:
Wie betrifft dich das jetzt praktisch als Praktikantin bei Correctiv? Verändert das für dich persönlich irgendwas?

Malina:
Für mich nicht direkt würde ich sagen. Es ist natürlich schon auch krass zu sehen, weil ich einfach auch das nicht so kenne. Wenn ich jetzt davor in der Lokalzeitung gearbeitet habe - das ist noch mal ein ganz anderes Niveau. Ich glaube, ich bin jetzt nicht die Person, die da am gefährdetsten ist. Aber es ist schon krass zu sehen, dass es einfach ein Ding ist, und auch irgendwie schade und traurig, dass da Journalistinnen angegangen werden. Aber auch gut, da so eine Awareness zu schaffen auf jeden Fall.

Finn:
Wie ist jetzt so aus der Redaktion raus deine Perspektive auf die Veränderung, die in der Gesellschaft angestoßen hat. Was erwartest du für die nächsten Tage und Wochen?

Malina:
Ich bin erst mal offen, was passiert. Ich finde es total überwältigend, was gerade passiert und natürlich super wichtig, dass das irgendwie Thema ist. 

Finn:
Wie hat diese Recherche von Correctiv auch vielleicht deine Sicht als angehende Journalistin auf den Journalismus verändert?

Malina:
Ich glaube irgendwie so recht hoffnungs-machend. Also ich bin schon so mit der Illusion in den Journalismus-Studiengang reingegangen, dass ich was verändern will. Und jetzt zu sehen, dass das wirklich passieren kann, weil manchmal, wenn man so Artikel veröffentlicht, verlaufen die so ein bisschen im Sand und da sieht man jetzt, dass es wirklichen Einfluss hat, was man recherchiert und was man schreibt. Und es ist total schön zu sehen und macht mir auch richtig Lust, weiterzumachen und selber vielleicht auch mal irgendwie so was zu recherchieren.

Die Weihnachtszeit löst bei Vielen ein Bedürfnis nach Nähe und Gesellschaft aus. Unsere Redakteurin Lisa ist selbst Single und hat auf Tinder in den letzten Wochen immer häufiger Personen gesehen, die dort nach einer Begleitung für die Festtage suchen. Das hat sie neugierig gemacht und ihre Recherche begann. Was Lisa dabei herausgefunden hat, bespricht sie in diesem Kollegengespräch mit unserem Redakteur Finn.

Finn: Lisa, du hast zum Thema „Weihnachten und Tinder“ recherchiert. Wie bist du überhaupt auf das Thema gestoßen?

Lisa: Freunde haben mir erzählt, dass Leute auf Tinder Partner: innen explizit für Weihnachten suchen. Auch mir ist eine solche Anfrage auf Tinder schon begegnet. 

Finn: Tell me more

Lisa: Da war zum Beispiel Alex, 26 Jahre, der hatte in seiner Bio stehen „Ich suche eine Begleitung für die nächste Weihnachtsfeier“. Und ich kenne ein paar Leute, die sich an Weihnachten einsam fühlen.

Finn: Du hast also angefangen zu recherchieren - wie hast du das gemacht?

Lisa: Ich habe zuerst mal auf Tinder geguckt, wie oft mir solche Anfragen wohl begegnen. Und ich habe eine Umfrage unter meinem Bekanntenkreis und den Rabbit Radio Followern gemacht. Daran haben 74 Leute teilgenommen. Knapp ⅓ der Befragten hatten schon mal das Gefühl, an Weihnachten eine Partnerin oder einen Partner haben zu müssen.

Finn: Was man dazu sagen muss - Die Umfrageteilnehmer:innen sind hauptsächlich Studierende. 
Und dieses Drittel, was du eben erwähnt hast -  also die Menschen, die das Gefühl haben, sie müssen an Weihnachten eine:n Partner:in haben - die gehen dann bei Tinder auf die Suche?

Lisa: Von den Befragten hatten nur rund 30 Leute überhaupt Tinder oder eine andere Datingplattform genutzt. Und nur eine Person hat aktiv auf Tinder nach einem Date für Weihnachten gesucht.
Aber immerhin: von den 74 Befragten kennen rund 10 Leute jemanden, der schon mal aktiv nach einem Date für Weihnachten oder für eine Weihnachtsfeier gesucht hat.

Finn: Du hast ja gesagt, du hast selber auf Tinder geschaut, wie häufig solche Suchen sind - wie war deine Erfahrung?

Lisa: Ich selber habe tatsächlich nur zwei solcher Suchanfragen gefunden. Und von den befragten Teilnehmern und Teilnehmerinnen sind 8 Personen schon mal einer solchen Anfrage begegnet.

Finn: Also gar nicht so selten, wie ich dachte. Da frage ich mich schon - woher kommt dieser Druck - oder auch dieser Wunsch, speziell an Weihnachten eine:n Partner:in zu haben?

Lisa: Ein paar haben geantwortet, dass sie sich einsam fühlen - Vor allem, wenn die Geschwister in einer Beziehung sind. Oder dass sie einfach gerne mit jemandem kuscheln oder auf Weihnachtsmärkte gehen wollen. 

Finn: Gut, das kann ich nachvollziehen - aber gab es auch kritische Stimmen zu dem Thema?

Lisa: Ja klar. Ein paar Leute haben auch gesagt, ihre Familie macht ihnen viel Druck, indem diese „ständig“ nach einem Partner oder einer Partnerin fragt.
Worüber ich besonders nachgedacht habe, war folgende Antwort: Zitat: „Weil einem von Kind auf vorgegeben wird, nur mit Partner glücklich zu sein. Weihnachten ist immer Familie. Familie ist Partnerschaft.“

Finn: Puh, also durchaus auch Gesellschaftskritik mit dabei - und insgesamt eine ganz schön große Bandbreite an Antworten. Danke dir Lisa für diese Einblicke!

Lisa: Gerne

Was bedeutet Krieg? Mein Freund Yuval ist 19 Jahre alt und lebt im Norden Israels. Er hat mir erzählt, wie er den Angriff der Hamas auf Israel erlebt hat, und wie es ihm im Moment geht. Ein Bericht von Finn Sanders.

"Ich habe es in dem Moment herausgefunden, als es anfing. Es war 6:30 Uhr, und ein Mädchen hat in einer WhatsApp-Gruppe geschrieben: »Geht es allen gut?« Und ich habe gefragt: "Was zur Hölle ist hier los?" Und anscheinend haben die Hamas Raketen geschickt."

Berichtet Yuval Merksamer. Er ist 19 Jahre alt und lebt in Haifa, einer Stadt im Norden Israels. Als die Hamas am 07. Oktober 2023 Israel angriffen, war er mit seiner Kamera spazieren.
Yuval und ich kennen uns von Discord – über einen Server für Fotografie. Persönlich getroffen haben wir uns noch nie. Aber seit eineinhalb Jahren schreiben wir fast jeden Tag.
Am Tag meines Gesprächs mit Yuval, ist der 16. Oktober 2023. Eigentlich wäre Yuval vor wenigen Stunden wieder in Haifa gelandet. Eine Woche Berlin - das war sein Plan. Dort wollten wir uns treffen. Doch dann griffen die Hamas an, und Yuval blieb in Israel. Jetzt sitzt er in seinem Zimmer vor dem Laptop und erzählt mir vom Krieg:

"Die Terroristen sind einfach eingedrungen. Das kam für mich völlig überraschend, denn vor dem Angriff war nichts Ungewöhnliches passiert. Ich war auf dem Weg zu meinem täglichen Fotospaziergang in der Innenstadt von Haifa, und ich war völlig schockiert. Ich habe versucht, meinen Spaziergang fortzusetzen, aber all diese beängstigenden Gedanken gingen mir durch den Kopf und ich konnte einfach nicht normal weitermachen."

Drei Tage nach Beginn des Hamas-Angriffs schreibt Yuval mir auf WhatsApp:

»Jemand aus meinem Fotografie-Kurs wurde getötet.«

»Mir geht es gut, ich bin ziemlich geschockt, aber es geht mir gut.«

In diesem Moment wusste ich - es reicht nicht, nur die Fakten zu diesem Krieg aufzuzählen.
Bei unserem Video-Telefonat ist Yuvals Zimmer hell beleuchtet. Auf dem Bett liegt eine Decke, mit Mustern wie von einem Heavy Metal-Album. Daneben sein Rucksack mit der Kameraausrüstung. Freiberuflicher Fotograf zu sein – vielleicht für Konzerte – das sei sein Traum.
Yuval sieht müde aus, hat dunkle Ringe unter den Augen. Er wirkt gefasst, während er spricht, nimmt sich die Zeit, um nach den richtigen Worten zu suchen, macht lange Pausen. Über seinen Klassenkameraden möchte er nicht sprechen. Wie es ihm jetzt geht, frage ich ihn. Er rutscht auf seinem Stuhl hin und her, bevor er antwortet.

"Um ehrlich zu sein, bin ich sehr verunsichert".

Bei ihrem Terrorangriff haben die Hamas mehr als 1.300 Menschen getötet und mehr als 3.600 Menschen verletzt, schreiben die Nachrichtenagenturen. Das ist unvorstellbar. Unvorstellbar grausam. Ich frage mich - was heißt das für die Menschen vor Ort? Was heißt das für Yuval?

"Es ist ein einziges Wort. Beängstigend. Ich öffne die Nachrichtenseiten etwa ein- oder zweimal am Tag. Ich will es nicht zu viel werden lassen. Ich will mich selbst nicht damit überlasten. Ich will auf dem Laufenden bleiben, aber nicht auf eine zwanghafte Art. Ich bin um, ich weiß nicht, drei Uhr morgens aufgewacht. Normalerweise bin ich um sechs, sieben Uhr morgens aufgewacht. Aber als der Krieg begonnen hat, ist meine innere Uhr völlig durcheinander geraten. Ich leide oft an Panikattacken, an Stimmungsschwankungen. Viel mehr als sonst und viel extremer. Ich fühle mich weniger sicher, aber ehrlich gesagt weiß ich, dass Haifa außerhalb der Raketenreichweite von Gaza liegt."

Berichtet der 19-Jährige. Und trotzdem: Einmal musste Yuval schon in den Luftschutzraum in seinem Haus. 40 Minuten harrte er aus. Dann kam die Entwarnung - Fehlalarm. Auch wegen solcher Vorfälle geht der Krieg ihm nahe:

"Ich habe ein paar Freunde, die in der Armee dienen, und ich mache mir wirklich Sorgen um sie. Meine Eltern haben gesagt, dass es völlig normal ist, wenn sich mein psychischer Zustand verschlechtert, weil der psychische Zustand bei fast allen Menschen schlechter geworden ist. Also gehe ich meistens lieber schlafen. Das ist der beste Weg, um dem zu entkommen, denke ich."

Sagt Yuval. Gerade in den Tagen vor dem Interview ist es immer schwieriger, Yuval zu erreichen. Immer öfter antwortet er mir spätabends, er habe den Tag verschlafen. Ich frage Yuval, wie es den Menschen in seinem Land geht und was ihnen Hoffnung gibt. Er sagt, die Menschen seien näher zusammengerückt im Krieg.

"Die Leute haben aufgehört, die Menschen als politisch rechts oder links zu betrachten. Wir sind alle Israelis, und wir haben alle denselben Feind, nämlich die Hamas. Die meisten Menschen sind wirklich wütend, und ich kann Ihnen nicht sagen, ob ich genauso fühle, aber ich bin wütend. Ehrlich gesagt, auf beide Seiten. Ich bin natürlich wütender auf die Hamas, aber ich bin auch wütend auf die Regierung und die Geheimdienste, die das nicht kommen sahen."

Was er sich von der Zukunft wünscht, möchte ich von Yuval wissen. Seine Antwort ist einfach: Frieden.

"Die Menschen, die entführt wurden, sollten wir zurückholen und dann diesen Krieg irgendwie beenden. Ich wünsche mir einfach, dass die Dinge ein Ende haben. Ich möchte wirklich, dass dieser Krieg endlich zu Ende ist."

Das Interview mit Yuval fand am 16. Oktober 2023 statt. Die Zitate und Nachrichten sind von der Redaktion aus dem Englischen übersetzt.

Als erste weibliche DJ in Ägypten wurde sie bekannt und hat dann ihren Weg in die Medien gefunden. Heute lebt sie in Deutschland und ist Dozentin an unserer Hochschule.
Passant Refaat hat einen verrückten Karriereweg hinter sich. Im Live-Interview hat sie mit Finn und Maria darüber gesprochen.

Da Passant erst seit 2020 in Deutschland lebt und sich mit der englischen Sprache etwas sicherer fühlt, haben wir das Interview auf Englisch mit ihr geführt.

Finn:
Neben uns steht jetzt – Premiere – eine Dozentin unserer Hochschule: Passant Refaat. Und noch eine Premiere: Ihr hört gleich das erste Live-Interview auf Englisch im Rabbit Radio. Willkommen und danke, dass du heute hier bist, Passant.

Passant Refaat:
Leute, vielen Dank für die Einladung. Ich bin begeistert, hier zu sein. Danke, Maria. Danke, Finn.

Maria:
Ich bin etwas aufgeregt. Bitte verurteilt uns nicht für unsere Aussprache. Wir sind etwas eingerostet. Hallo, Passant! Es freut mich, dass du heute Abend bei uns bist.

Passant Refaat:
Danke.

Finn:
Lass uns einen Blick auf deine Karriere werfen. Unter anderem warst du die erste weibliche DJ in Ägypten – hast 2003 angefangen. Kannst du uns erzählen, wie du mit dem DJing angefangen hast?

Passant Refaat:
Das ist eine sehr lange Geschichte. Aber um es kurz zu machen, wie du sagst, das war im Jahr 2003. Und schon vor 2003, ich weiß nicht genau wie alt ich war - ich meine - ich habe zwei ältere Brüder und seitdem ich sehr jung war, haben sie mich auf Partys mitgenommen.

Und das war immer etwas, das immer extrem interessant für mich war. Ich war sehr jung. Ich durfte nicht auf diese Partys gehen. Aber sie haben mich trotzdem mitgenommen. Ich hatte immer eine sehr gute Beziehung zu ihnen.

Und ich war ich immer wirklich aufgeregt, wann immer ich DJs oder sogar eine weibliche DJ sah.

Aber dann, ein paar Jahre später ist mein Bruder fürs Studium ins Ausland gegangen. Er hat sich für DJing interessiert und hatte die Ausrüstung zu Hause. Und er hat mich gefragt: „Passant, hast du Lust, ein DJ zu sein? Vielleicht findest du das interessant.“ Und ich war so: „Ich bin mir nicht sicher.“ Aber dann habe ich es probiert.

Ich war damals an der Deutschen Universität in Kairo und wir hatten eine Studentenparty. Und ich bin zur Organisatorin gegangen und habe ihr gesagt: „Weißt du was? Ich bin ein DJ und ich würde wirklich gerne auf dieser Party auflegen.“ Natürlich wusste ich damals nicht, wie es läuft, wie man mischt oder so etwas. Aber es hat wirklich Spaß gemacht.

Und seitdem habe ich entschieden, dass ich das [DJing] wirklich liebe. Ich liebe es, vor Menschen zu stehen. Ich liebe es, Musik zu spielen. Und dass das etwas ist, was ich auf jeden Fall verfolge würde.

Also ja, das war der Anfang. Ich hatte gesagt ich mache es kurz, aber es war ein bisschen lang.

Finn:
Es ist auch einfach eine lange Geschichte.

Maria:
Deine Brüder haben dich sehr früh in deinem Leben mit dem DJing vertraut gemacht, hast du uns erzählt, und sie haben dich zu DJ-Partys mitgenommen, seit du zehn Jahre alt warst.

Passant Refaat:
Ja.

Maria:
Wenn du zurückblickst, hat das deine Karriere beeinflusst?

Passant Refaat:
Ja, definitiv hat es das. Ich erinnere mich, in diesem jungen Alter bin ich auf diese Party gegangen. Es war unglaublich. Ich werde das Gefühl, das ich hatte, als ich auf dieser Party war, nie vergessen. Da war diese weibliche DJ. Ich bin nicht sicher, ob ihr sie kennt. Ihr Name ist Sunique. Sie legt heute nicht mehr auf, aber damals war sie einer der Top-DJs. Und ich erinnere mich, sie auf der Bühne zu sehen. Die Musik, die sie spielte, die Mixes, ihre Performance, ihre Energie, es war faszinierend zu sehen. Und ich stand einfach da und beobachtete sie - und ich habe an nichts anderes gedacht, als sie auf der Bühne bei ihrer Vorstellung zu beobachten.

Und das hat mich definitiv inspiriert, weil ich auch jemand bin, der viel Energie hat. Ich liebe es, mit Menschen zusammen zu sein, und ich dachte: „Ja, das ist das Richtige. DJ sein.“

Finn:
Du hast uns erzählt, dass du dich gerne an die Momente erinnerst, wenn du gemerkt hast, wie sehr die Leute von deiner Musik begeistert waren. Was war dir beim Auflegen wichtig?

Passant Refaat:
Nun, das Erste, was mir wichtig war, war, dass ich Spaß hatte, wenn ich hinter den Decks stand. Das war definitiv etwas, bei dem ich mich großartig gefühlt habe, und ich war immer wirklich aufgeregt, wann immer ich aufgelegt habe.

Also das war das Erste, was ich im Kopf hatte. Und ich dachte, okay, jetzt, da ich diese Leidenschaft habe, da ich so viel Spaß habe, wird sich das definitiv auf jeden übertragen, der im Club oder auf der Party ist. Und das war tatsächlich der Fall.

Wie du am Anfang gesagt hast - ich war die erste weibliche DJ in Ägypten, und eine Zeit lang war ich auch die Jüngste. Also war es definitiv etwas, worüber sich viele Leute gefreut haben. Und ich bekam viele Reaktionen wie: „Wow, du bist ein DJ. Wie toll!“ und ich denke, es waren immer sehr positive Reaktionen.

Und das ist etwas, das ich wirklich, ich würde sagen, genossen habe. Aber natürlich war Musik zu spielen und zu sehen, dass die Leute sie genießen, definitiv etwas, das einen großen Unterschied gemacht hat.

Maria:
Welche Künstler haben dich in deiner Karriere und deiner Musik beeinflusst?

Passant Refaat:
Ich würde sagen, einer meiner Lieblings-DJs ist David Guetta. Ich bin sicher, jeder kennt ihn. Und ich hatte sogar die Gelegenheit, ihn persönlich zu treffen. Es war schön, ihn ein wenig kennenzulernen. Und ich erinnere mich, ich bin auf einige seiner Partys gegangen. Ich konnte nicht glauben, wie gut er auf der Bühne ist. Also - Die Mixes, die Remixes, seine Performance, seine Energie. Es war immer unglaublich.

Ich mag auch wirklich Axwell. Er war Teil der Swedish House Mafia. Er war auch einer meiner Lieblings-DJs. Also ja, die Leute, die mich inspiriert haben, sind definitiv Sunique, die weibliche DJ, von der ich euch vorher erzählt habe, und David Guetta.

Finn:
Passant, wir haben schon ein wenig über deine Karriere gesprochen. Um 2009 herum hast du angefangen, für einen Radiosender als DJ zu arbeiten, und du hast auch Jingles produziert. Würdest du sagen, dass das der Beginn deiner journalistischen Karriere war?

Passant Refaat:
Nein, ich würde nein sagen. Aber irgendwie war da dieser Teil von mir, der immer Interesse an Medien hatte. Und alles, was ich getan habe, würde ich sagen, fällt unter einen großen Oberbegriff - DJing oder bei einem Radiosender oder später fürs Fernsehen zu arbeiten - für mich fällt das alles unter einen Oberbegriff. Aber Journalist sein, darüber habe ich in als ich beim Radio anfing, nicht nachgedacht.

Maria:
Du hast deine DJ-Karriere 2014 aufgegeben und hast dich nur dem Moderieren von Nachrichten und dem Journalismus gewidmet. Vermisst du manchmal das Musikmachen?

Passant Refaat:
Genau das habe ich getan.  Aber ich meine, der Grund dafür ist, dass man nicht beides machen kann. Wenn du als DJ arbeitest, wird von dir ein bestimmter Lebensstil erwartet. Man erwartet von dir, dass du auf Partys auflegst, die spät in der Nacht stattfinden, und so weiter.

Und wenn du als Journalist arbeitest, musst du den ganzen Tag, die ganze Nacht, jeden Tag, 24 Stunden am Tag verfügbar sein. Also passt das nicht wirklich zusammen.

Und ich habe gedacht, ich hatte wirklich schon so viel in meiner DJ-Karriere erreicht. Ich habe dieses Sprichwort: “Hör auf, wenn du in Bestform bist“. Und das ist genau, was ich getan habe. Ich war bereit, etwas Neues zu entdecken, das ich auch wirklich, wirklich liebe und das ich leidenschaftlich gerne mache: Vor der Kamera stehen. Entweder als Reporterin oder als Fernsehmoderatorin und auch als Videojournalistin.

Das ist etwas, dass ich wirklich gerne gemacht habe, also bereue ich es nicht, dass ich mit dem DJing aufgehört habe. Aber ich vermisse es definitiv, ein DJ zu sein.

Würde ich wieder anfangen, ein DJ zu sein? Vielleicht als Hobby oder etwas in der Art.

 Also ich bereue diese Entscheidung auf jeden Fall nicht.

Maria:
Ich denke, beides kostet viel Zeit: DJ zu sein, und Journalismus.

Passant Refaat:
Definitiv. Als ich aufgelegt habe, habe ich das als Nebenjob gemacht. Ich habe es gemacht, während ich an der Universität studiert habe, und dann später, während ich gearbeitet habe. Und die Sache ist, dass selbst wenn das eine Nebensache war, habe ich ihr trotzdem so viel Zeit und Energie gewidmet. Und ich denke, um Erfolg zu haben, ist das genau das, was du tun musst.

Aber ich denke, jetzt kann ich dem DJing nicht mehr so viel Zeit und Energie widmen.

Finn:
Kannst du uns ein mehr darüber erzählen, wie du mit dem Videojournalismus und der Nachrichtenmoderation angefangen hast?

Passant Refaat:
Nachdem ich mit meinem Studium fertig war, habe ich in Katar, in Doha, gearbeitet. Und alles, was ich dort getan habe, stand auch irgendwie in Zusammenhang mit Journalismus.

Also etwas für die Leute, die es nicht wissen: Ich habe also meinen Bachelor in englischer Literatur und Übersetzung gemacht, und dann habe ich als arabische Linguistin für die US-Botschaft in Katar, in Doha, gearbeitet.

Und alles, was wir tatsächlich gemacht haben, stand in Beziehung zu sozialen Medien. Das war 2009. Wir haben Presseverzeichnisse zusammengestellt und die Nachrichtenwebsites und sozialen Medien von bestimmten Accounts im Auge behalten.

Jedenfalls, während ich in Katar war - und Katar ist auch Sitz des Senders Al Jazeera. Und während ich dort war - und das war auch reiner Zufall, ich hatte das nicht geplant - wie alles andere in meinem Leben – hatte ich die Gelegenheit, an diesem Kurs teilzunehmen. Das war ein Fernsehmoderationskurs. Und als ich ins Studio gekommen bin und die Kameras und die Lichter und diese ganze Umgebung gesehen habe, dachte ich: Das möchte ich machen. Das werde ich als Nächstes machen.

Nach vier Jahren Arbeit als arabische Linguistin habe ich mich also entschieden, nach Ägypten zurückzukehren und mein Masterstudium in Fernseh- und Digitaljournalismus zu machen, weil ich wirklich keinen Hintergrund im Journalismus hatte.

Und ich wollte mehr wissen, dieses Feld besser verstehen. Und dann habe ich gleich nach dem Master angefangen, im Journalismus zu arbeiten.

Maria:
Denkst du, dass deine Vergangenheit als DJ deinen Weg im Journalismus beeinflusst hat?

Passant Refaat:
Ich würde sagen, auf gewisse Weise, ja. Denn wenn du ein DJ bist, beschäftigst du dich mit dem Publikum. Du versuchst, dein Publikum zu verstehen. Du willst sicherstellen, dass sie mögen werden, was du präsentierst.

Und ich würde sagen, das ist auch die gleiche Idee beim Journalismus, denn auch hier hast du ein Publikum. Du erstellst Inhalte, und du willst sicherstellen, dass die Inhalte, die du erstellst, eine Leserschaft haben.

Ein anderer Aspekt ist, dass ich sagen würde, das DJing hat mir mit dieser Angst vor der Bühne geholfen. Weil ich schon in jungen Jahren auf der Bühne gestanden habe, kann ich die [Angst] überwinden, wenn ich im Studio präsentiere oder live im Fernsehen berichte. Also ich würde sagen, es hat mir definitiv geholfen. Aber trotzdem, ich meine, du bist immer noch nervös, egal wie oft du es machst. Es ist beunruhigend, die ersten paar Sekunden.

Finn:
Ich denke, das können wir hier im Studio alle nachvollziehen.

Passant Refaat:
Ja, definitiv. Definitiv. Es ist immer so. Egal, wie oft du live bist, es gibt immer noch diese paar Sekunden am Anfang, wo du fühlst: „okay, mein Herz schlägt so schnell. Oh mein Gott. Was soll ich machen.“ Aber ja, das ist normal.

Finn:
Wir haben viel über deine Karriere als DJ und als Videojournalist in Katar und Ägypten gesprochen. Aber jetzt frage ich mich: Du bist jetzt Dozentin an einer Universität in Deutschland. Wie bist du hier gelandet?

Maria:
Also du hast uns auch erzählt, dass du Deutsch als Sprache gehasst hast, als du es neu gelernt hast.

Passant Refaat:
Wie ich schon vorhin schon gesagt habe - ich war an der Deutschen Universität in Kairo, aber nicht sehr lange. Nur zwei Jahre, weil ich vorhatte, dort Medieningenieurwesen zu studieren. Und dort hatte ich, eine schlechte Erfahrung mit den Professoren. Ich möchte nichts Schlechtes über jemanden sagen, aber sie waren ein wenig zu streng.

Und ich hatte außerdem mein Abitur in Ungarn gemacht und dort Ungarisch als Fremdsprache gelernt. Als ich dann aus Ungarn zurückgekommen bin und angefangen habe, Deutsch zu lernen, war das wirklich schwierig. Wenn ich etwas auf Deutsch sagen wollte, ende es oft damit, dass ich es auf Ungarisch gesagt habe.

Es war wirklich kompliziert. Und dann habe ich mir ich mir in diesem Moment gesagt, okay, ich will nie wieder Deutsch lernen. Ich will nie wieder Deutschland besuchen, nie im Leben. Und dann sind wir hier, zehn Jahre später, und ich lebe in Deutschland. Ironisch, nicht?

Finn:
Absolut.

Passant Refaat:
Also - warum bin ich nach Deutschland gekommen? Ich würde nicht sagen, dass es ist eine komplizierte Frage ist, aber es ist etwas, worüber ich lieber nicht sprechen würde. Es hat mit der Familie zu tun. Das ist der Grund, warum ich in Deutschland bin. Und für alle, die nicht wissen, warum wir dieses Interview auf Englisch führen: Weil ich noch nicht lange in Deutschland bin.

Ich kam genau während Corona und saß lange Zeit zu Hause, ohne mein Deutsch zu üben. Aber es wird kommen. Irgendwann wird es kommen.

Maria:
Ja. Aber jetzt magst du Deutschland, oder?

Passant Refaat:
Ich habe hier die Zeit meines Lebens. Ich liebe die Hochschule Ansbach.

All die Gedanken, die ich hatte, als ich an der Deutschen Universität in Kairo war, sind jetzt umgekehrt um 180 Grad. Ich habe nur sehr nette und freundliche Leute in Deutschland getroffen, überall, wohin ich gehe. Und ich meine, hier in der Hochschule, sind alle sehr nett.

Ich weiß nicht, ob er uns zuhört, aber ich möchte meinen Betreuer, Professor Paul grüßen, weil er mich seit meiner ersten Zeit hier an der Hochschule Ansbach unterstützt hat. Und natürlich auch Ismeni, Thomas Liesen, Gerald - und diese Liste könnte weitergehen.

So viele Leute, die mich wirklich unterstützt und mir geholfen haben. Und ich bin wirklich dankbar, hier zu sein und ich muss sagen, ich habe die Zeit meines Lebens.

Maria:
Das ist schön. Ja. Vielen Dank für das Interview.

Passant Refaat:
Ist es vorbei? Weißt du, ich möchte länger bleiben.

Finn:
Ich fürchte, das ist leider nicht möglich.

Maria:
Danke, dass du deine unglaubliche Geschichte mit uns geteilt hast.

Passant Refaat:
Danke. Danke. Ich bin wirklich glücklich, dass ich heute hier war. Und danke euch beiden. Ihr macht einen tollen Job.

Finn:
Danke für das Interview.

Das Interview wurde von der Redaktion aus dem Englischen übersetzt und für die Textfassung leicht gekürzt. […] sind Anmerkungen der Redaktion.

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